Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Halt's Maulwurf

Halt's Maulwurf | grauzone 25

Der Berliner Südwesten bietet dem wenig Durchsetzungsfähigen einiges Verzweiflungspotential: Ein Besuch im lokalen DHL Lager brachte mich vor kurzem an den Rand des Wahnsinns, als ich Hans Maulwurf begegnete, einem dieser „Service – Wüste“ Penner, die ein so lebendiges Abbild des alltäglichen Wahnsinns darstellen, dass man geneigt ist, dahinter das Wirken dunkler Mächte zu vermuten, Mächte, deren einziges Anliegen es zu sein scheint, einem ihren dreckigen Stiefelabsatz in die Magengrube zu stoßen und dabei so richtig einen hoch zu bekommen.

„Guten Tag, Ich hab’ hier so’n Benachrichtigungsschein bekommen.“
„Joa.“

Nimmt mir den Schein aus der Hand, wendet ihn ungläubig vor den Augen, mit einem an die sprichwörtliche Kuh vorm Uhrwerk erinnernden Ausdruck auf der verschlagenen Runzel von einem Gesicht.
Geht zum Schreibtisch, checkt in aller Ruhe seine SMS auf seinem Mobiltelefon aus, vergisst den Schein direkt vor ihm, telefoniert erst mal einige Zeit mit einem Kollegen, klickt in Gedanken versunken mit der Maus rum, findet verdutzt den Zettel direkt vor ihm auf dem Tisch, versagt fünfmal bei der korrekten Eingabe der darauf vermerkten Nummer, spaziert in sich versunken auf und ab…
Was macht der Kunde denn da, ich will doch nur ein verdammtes Paket abholen, warum macht der denn nichts? … Die alte Sau, man ist der lahmarschig. Mmhh, soll ich ihn zur Eile antreiben, soll ich oder soll ich nicht, mmhh, ach nee. Lieber nicht, wenn der sauer ist macht der bestimmt noch langsamer, maul halten…

„Storkower Straße, ja?“
„Ja, genau.“

Genau das wahren also meine Worte angesichts dieses zum Himmel stinkenden Menetekels der Inkompetenz, man, bin ich geil, hab’ ich’s raus, man… Verlässt seinen Schreibtisch, scheint just in diesem Moment zu vergessen, was er eigentlich vorhatte, findet wieder besagten Schein in seiner Hand, bewegt sich äußerst unkoordiniert und ziellos im Raum umher, findet vor sich eine Kiste voller Pakete.

Da ist bestimmt mein Paket dabei!!! Juhu, na endlich, gleich hab’ ich’s…

Handelt erst mal in aller Ruhe die Route eines neuen Fahrers aus, veranlasst eine Einführung dessen in den komplexen Kosmos des delivery – boy Business, sortiert irgendwelches Zeug.
Hab ich was falsch gemacht, bin ich hier bei der Mafia gelandet? Warum macht der denn nichts? Geh doch mal endlich das Paket beschaffen?! Jetzt könnte ich in ganz resoluter und überlegener Manier sagen, er solle sich doch bitte erst mal um seinen Kunden kümmern, mich…mmhh, oh nee, lieber nicht, der sieht aus, als wenn dann heute gar nichts mehr liefe.

Spast, Penner,

Findet den Weg hinaus aus dem Büro, läuft erstaunlich langsam, so dass es auf eine surreale Weise beabsichtigt wirkt, verschwindet in einer angeschlossenen Lagerhalle, erscheint nach geschlagenen 5 Minuten wieder, mein Paket in den kleinen verwichsten Patschern, hält mit meinem Paket direkt auf mich zu …

Da ist es ja, geil, gleich bin ich hier weg, ihr Arschgeburten.

Schützt das anscheinend ungeheuer kostbare Paket mit dem Unterarm vor meiner greifenden Hand, geht an mir vorbei in sein Büro zurück, lässt sich bequemst auf seinem Sessel nieder und nimmt einen Schluck Kaffee, klickt wider sinnlos mit der Maus rum, entdeckt das vor ihm liegende Paket, studiert in aller Seelenruhe den Aufkleber darauf, sucht und findet einen Scanner, zielt auf den aufgeklebten Barcode, stellt Funktionstüchtigkeit des Geräts fest, sucht an unmöglichen Stellen nach einem anderen, findet an einer unmöglichen Stelle ein solches Teil, scannt, richtet das Gerät wie einen Revolver auf mich.
Und ich unterschreibe für den Bastard auf dem Gerät, quittiere mein Versagen, meine nicht existente Konfliktbereitschaft, komme mir irgendwie vergewaltigt vor, als hätte er mir den Lauf einer imaginären Schusswaffe, verkörpert in dem widerlichen kleinen Haufen Elektronikschrott, direkt in den Mund geschoben und mich aufgefordert…Ich weiß nun, wie sich der arme Alex in Clockwork Orange gefühlt haben muss, als er die Schuhsohle dieses Rohlings lecken musste,

Muss erst noch meinen Namen auf dem winzigen Display eintippen, sucht wie ein Idiot nachdem k, findet es dann doch noch und gibt mir in einer saulahmarschigen Weise, Gleichgültigkeit angesichts dieses epochalen Ereignisses vortäuschend, Mein Paket!

Scheiße, knall dem Wichser am besten eine, das wäre der Irrwitzigkeit dieser Situation nur angemessen und auch noch gerechtfertigt. Ich fordere Satisfaktion! I can’t get no satisfaction!
Woher hat mein verdammter MP3 – Player gerade jetzt dieses Lied genommen, warum nur, warum?

Der Oderflut meiner Verzweiflung erreicht ungeahnte Pegelstände, metaphorische Krokodilstränen ergießen sich über meine zerschundene Fratze, im Freien regnet’s dazu Hunde und Katzen und die Welt verschwimmt hinter einem sanften Vorhang aus Unschärfe, Wassersymbolik, tröstendem Vergessen … Nirwana, Walhalla, das Paradies
Wortlos und wie ein geprügelter Hund verlasse ich die Szene meiner Demütigung, ich werde nie mehr zurückkehren, ein für alle mal, ich bin fertig, gescheitert, habe versagt…

Zuhause weine ich mich in den Schlaf.

Benjamin

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