Der Rest von Ost-West
Der Rest von Ost-West | Grauzone 25
Ob man den Unterschied zwischen Ostlern und Westlern noch bemerken könne, wurde ich von meinen spanischen Freunden oft gefragt.
Ich erklärte dann meistens kurz angebunden, dass dreizehn Jahre nach dem Mauerfall eigentlich alle gleich aussähen, vor allem die Jüngeren. Stimmt ja auch irgendwie. Anfangs sahen wir ja im Vergleich zu unseren Westberliner Gegenstücken doch eher so aus, wie heute die Polen im Vergleich zu den Ostdeutschen. Aber mittlerweile ist der individuelle Stil auch hier angekommen, und alle sehen wieder gleich aus.
Na jedenfalls weiss ich natürlich um meine Wahrheitsverfälschung, denn gerade in Berlin hat unsereins oft genug die Gelegenheit, auf zutiefst westdeutsche Fauna zu treffen. Und das mittlerweile dreizehnjährige Studium derselben hat gewissermaßen auch Augen und Ohren für entsprechende Spezifika geschult. Und so stolperte ich letzte Nacht in eine Friedrichshainer Kneipe und sah mich sofort umzingelt von allerlei exotischem Gekraut.
Ihr individueller Stil machte sie sozusagen sofort verdächtig, von den Hamburger-Schule-meets-L´Oreal-Punk-Frisuren über die ASV-ähnlichen Trainingsjacken bis zu den abgelatschten Zweihundertmark-Turnschuhen. Ich flüchtete an die Bar. Dort wurde ich Zeuge eines ganz besonderen Exemplars. Man merkte ihm deutlich die noch geringe Großstadterfahrung an, er roch – oder war es Einbildung? – sogar noch ein bisschen nach Kuh-und-Du.
Das wusste er wahrscheinlich auch selbst, weswegen er versuchte, dieses Manko durch Lässigkeit zu übertünchen. Er schmiss sich legér (also körperlich verbogen) gegen den Tresen und bestellte einen Whiskey und ein Berliner Pils. Ich schlug ihm mit der flachen Hand auf die Wange. Nein, machte ich natürlich nicht. Aber ich klärte ihn auch nicht darüber auf, dass es Berliner gibt und Nichtberliner, dass unser Berliner in keiner anderen Brauart als Pilsener hergestellt wird und dass kein normaler Mensch Berliner Pils sagt.
Möge ihm für diesen Frevel an anderem Orte ein beherzter Mensch auf die Wange schlagen. Aber dessen noch nicht genug verstieg sich mein junger Mitbürger darauf, die Eiswürfel in seinem Whiskey-Glas zu betrachten und laut zu sich selbst (also zur ganzen Welt) zu sagen: das ist ja ein cooler Eisberg, so ungefähr muss der von der Titanic auch ausgesehen haben. Wäre ich die Titanic, ich hätte ihn mitsamt seinem Eisberg auf Grund geschickt. Er kam mir jedoch zuvor, indem er sich auf den Weg zur Toilette machte. Fünf Minuten später stand er erneut neben mir und fragte, wo die Toilette sei. Leider hatte ich wieder kein Schiff zur Hand. Ich trank mein Berliner aus und ging. Auf dem Heimweg in der Zwanzig traf ich neben dreimillionen Westlern auch noch auf achtmillionen ökumenische Christen...
rog