Dein Schuh und Du
Dein Schug und Du | Grauzone 25
Meine Stiefel sind mir ans Herz gewachsen, ganz ehrlich, immerhin teilen wir nun schon viele Jahre unseres Erdendaseins und haben so manchen Heimweg bestritten und so manche Flucht ergriffen. Aber wie die Natter in der Fabel (wie auch immer sie hieß) finden meine Stiefel zunehmend gefallen daran, ihrem Herren in die Füße zu beißen. Also jeder Orthopäde würde mich einen Narren und Selbstzerstörer schimpfen ob dieser Folterknechte, denen ich nicht nur diverse Blasen, Hornhäute und Sehnenzerrungen verdanke, sondern auch die ersten erkennbaren Zehverkrümmungen.
Aber niemand kann behaupten, ich hätte nicht versucht, Besserung herbeizuführen. Als ich vor drei Jahren einen längeren Auslandsaufenthalt antrat, nahm ich meine – damals schon reichlich kaputten – Boots mit auf Reisen und schwor mir, ihnen auf fremden Pfaden den Rest zu geben und sie auf südlicher Halde zu entsorgen. Was soll ich sagen, letztendlich kehrten sie nicht nur ein Jahr später vom Leben gezeichnet (genau wie ich) mit mir zurück nach Berlin, sondern bereisten an meinen Füßen selbige Gefilde noch weitere zwei Male in den vergangenen anderthalb Jahren.
Mittlerweile sind sämtliche Nähte gerissen, die Stahlkappen verrutschen beim Laufen und an den Fersen spüre ich längst nichts mehr. So sehr meine emotionale Bindung an diese Dreckstücke über die Jahre gewachsen ist, so sehr verfluche ich mittlerweile auch den Tag, an dem sie die Welt sahen. Mich von ihnen zu trennen, täte mir weh. Aber so weh, wie sie mir den ganzen Tag lang tun, täte es mir sicherlich nicht mehr...
Kurzum, der Gedanke, mir neues Schuhwerk zuzulegen, hatte genug Zeit, um zu endgültiger Reife zu gelangen. Ich stiefelte also los, mich in einschlägigen Fachgeschäften nach Erlösung umzutun. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, war die sich mir offenbarende hundertprozentige Preissteigerung seit meinem letzten Schuhkauf vor fünf Jahren. War ich damals noch mit hundert Märkern stolzer Besitzer fabrikneuer Zehnlochtreter geworden, verlangte der szenige Verkäufer nun selbige Summe in Euro. Ich erklärte ihm blumig was er mir wo mal könne, und schickte mich an, mein Glück woanders zu versuchen. Meine endlose und frustrierende Reise kann ich Euch ersparen, jedenfalls biss ich die Zehen zusammen und trug weiterhin mit Würde die alten Knobelbecher.
Angesichts des bevorstehenden Sommers wuchs neben der Innentemperatur jedoch auch die Qual ins unermessliche. Ich kam auf die glorreiche Idee, die Problematik kreativ zu lösen und mir vorerst mit Sportschuhen über die Runden zu helfen. Mein Ausflug in die Schönhauser Alle Arkaden brachte mich jedoch nicht nur in den Kontakt mit hunderten, im Gegensatz zu mir offensichtlich kaufkräftigen Teenagern, sondern auch an den Rande des Wahnsinns. Der Vormarsch des Marken-Schuhs schien bislang ebenso an mir vorbeigegangen zu sein wie diverse Trends vom hässlichen Hipster-Schleicher bis hin zum megacoolen Skater-Kloben.
Ein einfacher, solider (nach Möglichkeit weder weißer, roter noch brauner) Sportschuh war nicht aufzutreiben, und Preise von 70 Euro aufwärts gaben mir moralisch keine Gelegenheit über einen Erwerb nachzudenken. Ich werde also meine Füße weiter in den Ruin treiben, ebenso wie meinen Rücken, der mir nach jeder Nacht auf meiner alten Matratze die Seuche an den Hals wünscht...
rog