BassDurchbruch
Acht Wochen auszehrendster Arbeitsstress hat einige Proben verhindert. Das betrübt. Der Auftritt am Nikolausabend in der KvU rückt immer näher. Gestern dann eine verschobene Probe, um die Ausfälle nicht zur Regel werden zu lassen. Sonst lässt sich die Frage, ob es die Band noch gäbe, nicht mehr ehrlich mit Ja beantworten.
Und dann geschah es. Mein Bassspiel verselbstständigte sich. Ich dachte nicht mehr an die nächsten Griffe. Ich fieberte nicht mehr den anspruchsvolleren Läufen entgegen und selbst die schwierigsten Partituren liefen wie von selbst. So im Flow schloss ich die Augen. Und plötzlich fing ich an die Musik zu sehen. Es war wie ein Sinn, den man meinen Empfindungen einfach hinzufügt hatte. Es war die Fortsetzung der Reihe die aus Riechen, Schmecken, Hören, Fühlen und Sehen besteht. Es war wie unendlich viele Farben in vollkommener Verschmelzung mit Formen aller Art und doch anders. Ich fühlte mich so wohl und geborgen, das ich mich traute die Perspektive zu ändern, ohne die Angst, dass alles wieder zu verlieren. Ich ging vom staunenden Betrachten zum Beeinflussen über. Zunächst ließ ich mich vornüber fallen. Ich ließ einfach los. Und ohne große Anstrengung war ich in der Lage, die mich umgebende Welt zu verändern. Ich begann zu verstehen, welche Regungen zu welchen Reaktionen dieser Welt führten und folgte meinem ästhetischen Empfinden bei der Wahl der von mir kreierten Zustände. Ich war zufrieden und erfüllt, bis sich Formen in meine Welt schlichen, die mir nicht behagten. Ich kann nicht sagen, wie sie aussahen, aber übersetzt wären sie besonders eckig, kantig und zackig gewesen. Ich öffnete die Augen und bemerkte das Solo, das Tammo gerade spielte und erinnerte mich an die Worte eines Freundes, der so etwas mit "Gitarrengeficke" bezeichnet. Das Übel in der mir bisher bekannten Welt identifizierend, dachte ich auch nur an konventionelle Mittel, um mich von der disharmonischen Stimmung zu befreien. Ich drehte meinen Poti auf 11. Die Augen schließend war ich sofort zurück in meiner schönen neuen Welt und alles war von meinen Harmonien bestimmt. Um des Spieles nicht überdrüssig zu werden, beschloss ich etwas besonderes zu kreieren. Um noch mal das Bild der Formen zu nutzen, wäre es wohl ein besonders hoher und zugleich graziler Turm, den ich erschaffen wollte. Ich konzentrierte mich und musste all meine geistige Kraft zusammennehmen. Nach ein paar missglückten Versuchen, verstand ich es endlich diese Krone der Superlative entstehen zu lassen.
Ich war fast oben angekommen, als ich das erste Mal einen Teil meiner Aufmerksamkeit darauf verwandt, den Ausblick aus dieser Höhe zu genießen. Doch es war dunkel, farben- und formenleer um meinen Turm. Schockiert von dem Nichts um mich herum, vergaß ich meiner Kreation den bis zur Fertigstellung notwendigen Halt zu geben und alles brach zusammen und verlor sich in dem lautlos alles verschlingendem Nichts. Wieder die Augen öffnend, sah ich Stefan mit dem Blut aus seinen Ohren das Snarfell vollbluten. Tammo saß mit geöffneten Augen und dem Rücken an der Wand da und blutete aus Ohren, Mund und Nase. Mein Verstärker ist jetzt abgeregelt. Ich nehme auch vor jeder Probe eine von den Kapseln, damit kann ich diese Welt nur noch wie aus weiter Ferne und durch einen grauen Schleier sehen. Und manchmal gar nicht.
Sich verkleidend in open stage sessions fremder Clubs schleichend, R.K.