Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Blitz-K.O. durch BVG

Nach einer aktionsreichen Nacht und ausgedehntem Gezeche hatte ich gerade erst in meinem Bus den unverdienten Schlaf gefunden, als mich auch schon das fiese Fiepen meines Weckers in den harten Alltag des Katers zurückholte. Ich hatte selbstverständlich wieder nicht acht gegeben und am Vorabend einen Parkplatz auserkoren, welcher sich nunmehr als sonniges Plätzchen erwies: die gefühlte Innentemperatur in meinem Eisenschwein lag bei 40 Grad, in meinem Kopf mochten es noch ein paar mehr sein. Die Uhr sagte halb eins, ich konnte also noch nicht lange genickert haben. Unglücklicherweise hatte ich jedoch um zwei einen Termin mit meinem Arbeitgeber in spe, einer Lohnsklavenbude am Kudamm (da wo alle Halsabschneider sitzen). Es blieb mir mithin keine Zeit, nach Hause zu fahren und etwas Frische in den Tag zu bringen, vielmehr ließ ich das Auto stehen und setzte ich mich in die Zwanzig Richtung Warschauer Straße. Es sollte dies der Ausgangspunkt eines Martyriums werden, denn die Mineralwasserneige in meiner Flasche schmeckte bereits nach wenigen Stationen brackig und die im Auto vergessene Sonnenbrille bot meinen rotgeäderten Augen entsprechend keinen Schutz vor dem gnadenlosen Einblick fremder (und offensichtlich im Vollbesitz ihrer Kräfte befindlicher) Menschen. Nach dem Wechsel in die U1 war die Bracke alle und mein Blickfeld färbte sich purpurn. Erstmals dachte ich ans Aufgeben, doch eingedenk meiner finanziellen Misere zwang ich mich zum Durchhalten. Meine Motivation sank allerdings deutlich, als alle Fahrgäste am Halleschen Tor per Durchsage zum Wechsel in den Schienenersatzverkehr aufgefordert wurden. Bauarbeiten auf der U1?! Zähneknirschend latschte ich im Strom die Treppen (die Rolltreppe war außer Betrieb...) hinab und suchte mir ein stilles Plätzchen im überfüllten Bus. Nach zehn Warteminuten unter sengender Sonne gab ich den Kampf mit den Schweißperlen in meinem Gesicht auf, um Kraft zu sparen. Die brauchte ich auch, drehte der Busfahrer doch eine gar abenteuerliche Runde durch Berlins Rushhour-geplagtes Zentrum. Nachdem ich so unter anderem auch den neuen Standort des Tempodroms kennen gelernt hatte, wurden wir alle am Mendelsohn-Bartoldy-Park an die nicht mehr ganz frische Luft gesetzt, und ich quälte mich abermals diverse Stufen hinauf. Erst auf dem Bahnsteig wurde mir klar, dass die hier verkehrende U2 eigentlich nicht meine Linie war, aber so war ich wenigstens schon mal darauf vorbereitet, am Wittenbergplatz erneut den Zug zu wechseln. Und natürlich auch gleich den Bahnsteig, weil die U15 ja nicht auf dem selben Gleis abfährt. Also wieder hoch und runter, ein bisschen Suchen und Fluchen und weiter ging´s. Den U-Bahnhof Kudamm musste ich kurioserweise durch ein Kaufhaus verlassen, was mir, für den jeder Meter zählte, diverse Hürden in Form von Wäsche-, Schmuck- und Parfüm-Abteilungen in den Weg stellte. Ich fragte mich, ob mir für die Anfahrt zur Vertragsunterzeichnung eigentlich auch schon eine Aufwandsentschädigung zustand. Ich pilgerte nun den Kudamm hinunter, denn leider wusste ich nicht, auf welcher Höhe sich die Zeitarbeitsfirma eingenistet hatte. Gefühlte drei Kilometer später war ich schlauer und betrat erst das Haus und dann den Aufzug. Dessen vollverspiegelte Wände zeigten mir ein verquollenes Gesicht, in welchem zwei mattglasige Augen mit diversen Schlaffalten um den Rang des schlimmsten Suffke-Merkmals rangen. Eine fruchtig-herbe Alkoholfahne aus meinem Rachen kämpfte aus Mangel an Gegnern parallel in ihrer eigenen Gewichtsklasse. Kurz: mir wurde mit einem Schlag bewusst, dass ich nicht nur ungefähr so aussah wie ich mich fühlte und so roch, wie zur gleichen Zeit wahrscheinlich die Flaschen, die ich in der Nacht geleert hatte, sondern dass ich mit jeder Minute, die ich im Büro meines Auftraggebers verbringen und mit jedem Wort, das ich in direkter Rede an ihn adressieren würde, meine Chancen auf einen Vertragsabschluss schmälern musste. Ich nahm also alle Kraft zusammen, wischte mir ein letztes Mal den kalten Schweiß aus dem Antlitz und betrat die heiligen Räume, wo ich freundlich begrüßt und zum Lesen des Vertrags an einen Ecktisch gebeten wurde. Ich überflog den Wisch natürlich nur schnell, blieb allerdings kurz an Punkt 19 hängen: Trunkenheit am Arbeitsplatz ist ein sofortiger Kündigungsgrund. Flink unterzeichnete ich den Verkauf meiner Seele, ja ich hatte alles verstanden, nein, ich hatte keine weiteren Fragen, ja, haha würde schon schief gehen und na dann frohes Schaffen und alles Gute und Ihnen auch und sie mir auch mal und Tschüß und raus... Im Fahrstuhl wurde ich nur kurz ohnmächtig, immerhin hatte ich den schlimmsten Teil des Tages hinter mir. Dachte ich. Blieb ja noch die Rückfahrt. Mit der U15 zunächst von der Uhlandstrasse zum Wittenbergplatz, dort wechselte ich wieder den Bahnsteig und nahm die U1 Richtung Wahrschauer Strasse. Die Fahrt endete allerdings am Nollendorfplatz. Unten im Keller. Ich fluchte beim Treppensteigen still vor mich hin und versuchte mich heimlich über die Ironie meines Schicksal zu amüsieren, ertappte mich jedoch dabei und das Lachen blieb mir irgendwo stecken. Am Nollendorfplatz fährt natürlich auch nur die U2, also musste ich am Mendelsohn-Bartoldy-Park wieder raus und die elenden Treppen runter zum Bus latschen. Dieser drehte in aller Bescheidenheit eine neuerliche Ehrenrunde, unter anderem am Gleisdreieck vorbei, welches – die Schlauen werden es gemerkt haben – noch vor Nollendorfplatz liegt, man hätte den Reisenden also zumindest diese Pein ersparen können. Aber die BVG ist ja wie Gott, ihre Wege sind unergründlich, und die Qual im Hier und Heute wird uns nach dem – durch eben diese wieder etwas nähergerückten – Tode wahrscheinlich in Form eines ewigen Freifahrtscheins mit ins Grab gelegt. Der Rest war dann fast popelig, lediglich am Halleschen Tor wieder die Treppen hochsteigen, bis Wahrschauer fahren, in die Tram wechseln und Bersarinplatz raus. Deutlich entkräftet und dehydriert stand ich wieder am Ausgangspunkt meiner Reise. Und angesichts der Tatsache, dass Freitag Nachmittag war und das große Partywochenende unmittelbar vor der Tür stand, fühlte ich mich plötzlich sehr alt...

  • Grauzone Nr. 25
    • BassDurchbruch
    • Blitz-K.O. durch BVG
    • Dein Schuh und Du
    • Der Rest von Ost-West
    • Der schwärzeste Tag im Leben von G. Danzig
    • Jawohl, in der Hölle...
    • Sex am Telefon
    • Verwählt – kein Beitrag zur kommenden Bundestagswahl
    • Wider Willen auf Vordermann gebracht
    • Verwirrte Schokoriegel
    • Wenn der Postmann zweimal klingelt...
    • Büroguerillla
    • A trip to Paris
    • Wenn der Wahnsinn durch ´s Gehirn kraucht
    • Halt's Maulwurf
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  • Grauzone Nr. 01

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