Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Sicher, auch im Wald

Sicher, auch im Wald

Geschichten , die das Leben so wohl kaum schreiben würde, weil sie eigentlich einfach viel zu blöd und langweilig sind hört man als Schankwirt ja des öfteren und bedenkt sie meist mit einem freundlich-verständnisvollen, aber zutiefst gelangweilten Lächeln. Aber heute kam dieser Typ in die Kneipe, in der ich arbeite und erzählte mir etwas, das ich, mit meiner eigenen, teilweise schmutzigen Phantasie um diverse, farbenfrohe Details erweitert, ohne die eigentliche Pointe zu ändern- Euch nicht vorenthalten möchte.

Der Herbst fällt langsam aber gnadenlos mit den gelben Blättern der Bäume und den neu zugezogenen Studenten aus der Provinz über die Stadt her und man fängt wieder an, den Winterurlaub in Äquatornähe detaillierter zu planen. Doch dank globaler Klimaerwärmung und Ozonloch sind die Temperaturen noch recht angenehm und so erkeren (Präsens von erkoren) unsere beiden Helden, ein Mann und eine Frau, so etwa Anfang 30, würd´ ich schätzen, diesen lauschigen Oktoberwerktag zu einem Ausflugstag ins Grüne. Es geht in den südöstlichen Berliner Stadtforst. Die S-Bahn zuckelt von Station zu Station, man entgeht glücklich den Controllettis, die in einem Waggon weiter ausreichend Beute finden, um am Bahnhof aus- und nicht in den eigenen Waggon einzusteigen und langsam, je weiter man aus der Stadt kommt, leert

sich der Zug bis man schließlich fast allein mit einer vielleicht 75-jährigen Frau bleibt, die die ganze Zeit kopfschüttelnd und gestikulierend über der Kanzler (den vorigen) wettert. Endlich im Wald angekommen, verläßt man ziemlich schnell die ausgetretenen Wege und beginnt kreuz und quer umherzustreifen, die Blicke fest auf den Boden gerichtet, denn schließlich will man Pilze finden. Nein, Birken-

haine werden nicht explizit angesteuert, es geht nur um einfache, gewöhnliche Speisepilze. Nur leidervielleicht waren schon Legionen nebenverdienstsuchender Sozialhilfeempfänger hier unterwegs, oder unsere beider Helden sind einfach zu blöd, Pilze zu finden, jedenfalls finden sie nur Fliegenpilze, Kartoffelboviste und eklig-grüne Monsterpilze. Doch Gregor (Name möglicherweise vom Autor geändert) und seine Freundin lassen sich davon nicht beeindrucken und tapsen weiter durch feuchtes Moos, freuen sich am Spiel der einzelnen Sonnenstrahlen, die durch das Laub brechen und lassen es sich gut gehen. Das Ganze scheint eine verdammte Hippieidylle zu sein. Naja, und wenn ich die Erzählung richtig verstanden habe, spazieren die beiden da also nicht nur wie Abiturienten umher und werfen sich romantische Blicke zu, sondern fangen auch irgendwann an, zu knutschen und aneinanderrum zumachen. Ziemlich heftig aneinander rumzumachen! Ich mein, gut, die Luft ist recht warm, irgendwie ist es auch etwas schwül und sie streifen seit Stunden allein durch den Wald und kein Mensch scheint in der Nähe zu sein.

Es ist, als gehört der Wald nur ihnen. Von fern, von sehr fern hört man Hundegebell und weit oben krachen Flugzeuge und Polizeihubschrauber vorüber. Aber hier unten ist niemand. Niemand, außer ihnen beiden. Der Weg, auf den sie zwischendurch stießen, ist menschenleer und auch sonst nichts von anderen Menschen zu sehen oder auch nur zu hören. Sie beginnt also, ihn zu küssen. Sie küßt ihn gieriger. Sie küßt ihn, wie sie ihn sonst meist nur in unmittelbarer Nähe eines Bettes küßt. Ihm wird ganz anders und ein leichtes, angenehmes Rauschen zieht sich über sein Bewußtsein.

Er fühlt ihren Körper mit seinen Händen nach, jede Biegung, jede Kurve. So als wäre er blind und wolle sich ein Bild von ihrem warmen, weichen Leib machen. Und so weiter, wollen wir nicht zu voyeuristisch in ihr Intimleben vordringen. Schließlich kennen wir das selber und dies ist ja auch keine pornoerotisches Magazin. Jedenfalls suchen sie sich eine etwas verstecktere Stelle im Unterholz, man weiß ja nie, und legen sich nackt zueinander ins weiche, feuchte Moos. Das Spiel wird heißer und prickelnder und plötzlich klingelt ihr Handy. Das ist unromantisch, aber so ist das heutzutage. Sie ignorieren das und tun gut daran.

Auf einmal...Fuck, was ist das?...hören sie ein Auto auf dem, wie sie nun finden, doch schon recht nahen Weg. Sie werden nervös. Ein Polizeistreife rollt knirschend langsam auf dem Kiesweg vorbei. Doch sie werden nicht entdeckt. Ihr Plätzchen ist wohl verborgen genug.

Krass, wenn die sie gesehen hätten ...na ja, es wird wohl nicht verboten sein im Wald zu vögeln, aber peinlich wär´s schon.

Sie kichern und amüsieren sich und machen weiter. Irgendwann liegen sie beide auf dem Rücken und rauchen eine Zigarette. “Cabinet”, logo, oder welche Marke würden Sie in so einer Situation vorschlagen? “West”? “Marlboro”? Wohl kaum. “PS”? Hmm, vielleicht. Oder “Nil”, aber dann müß te der Wald schwarz-weiss ein. Na, oder “Atkinson”, von Lidl, die sind nicht so teuer. Interessiert beobachten sie durch das Gestrüpp das Polizeiauto, das wieder vorbeikommt, diesmal aus der anderen Richtung. Was die hier nur wollen, mitten im Wald? Scheiße, vielleicht ist das hier so´n Faschoübungsgelände. Wer weiß...hier draußen, wo kaum ein Mensch vorbeikommt, hätten die doch ihre Ruhe und könnten den Endkampf proben. Den beiden wird etwas mulmig. Von wegen, Polizeipräsenz produziert ein Gefühl von Sicherheit. Wo Bullen sind, muß was los sein, sonst wären die ja nicht dort. Sie beschließen, sich auf den Heimweg zu machen. So´n Erlebnis wäre nicht witzig. Aber eigentlich glauben sie auch nicht so richtig an werktags guerilliakriegprobende Nazis. Während sie sich anziehen, kommt wieder eine Streife vorbei, diesmal ist es sogar eine Wanne.

Mein Gott, was um alles in der Welt beschützen die hier? Mitten im Wald? Nix zu tun oder was? Und das von unseren Steuergel...naja gut, nicht direkt unseren aber trotzdem!

Liebe Leser, können sie sich vorstellen, warum ZWEI verdammte Polizeiautos wochentags nachmittags durch den Berliner Stadtforst patroullieren? Sehn Se´, die ham einfach nischt zutun, die Säcke! Und so spazieren unsere beiden Helden entspannt zurück zum S-Bahnhof, Arm in Arm und glücklich und fragen sich was die blöden Bullen wollen hier treiben. Wahrscheinlich würden sie es nie herausbekommen. Der Wald liegt immer noch ruhig und menschenleer da, abgesehen von den Bullen und einem einsamen Jogger der vorhin auf dem Weg vorne an ihrem Nest vorbeilief, der sie aber sicher auch nicht sah.

Als sie in den Weg zum Bahnhof einbiegen kommt ihnen die Wanne wieder entgegen. Der Wagen fährt langsam auf sie zu und hält direkt neben ihnen. Ein schnauzbärtiger Goldkettenträger fragt sie aus dem heruntergekurbelten Fenster:“Sajen Se ma, ham SIE vialleicht nen NACKTSCHEN hier rumstreunen sehen? Uns wurde da wat jemeldet!” Häää.... Die fahren hier Patroullie um einen zu finden, der nackt durch dem Wald läuft???!!! Die beiden sehen sich an:“ Wir ham keen jesehn!” “ Na denn...Schönen Tach no´!”

MERKEN DIE BULLEN NOCH WAS? ZWEI WAGEN? PATROULLIE? HÄÄÄ?

Fragt sich der Pate

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