Nachbushumor
Nachbushumor | Grauzone 24
Es trugen sich innerhalb recht kurzer Zeit zwei Ereignisse zu, die zwar ähnlich in ihrer Art, jedoch so unterschiedlich in ihrem Echo waren, daß ich nicht umhin komme, davon zu berichten.Beginnen wir mit der radikalen Ähnlichkeit der beiden Szenarien: Beide Male befand ich mich auf dem Heimweg nach einer durchzechten Nacht. Beide Male wartete ich auf den N52. Beide Male irrten sich Mitmenschen in der Uhrzeit. Und beide Male war ich ausgesprochen witzig. Doch der Reihe nach. Ich war schon reichlich hinüber, als der Pfefferberg den Steiner und mich ausspie, und so konnte ich es ihm auch nicht verübeln. Aber schließlich hatte der Abend ungewöhnlich früh begonnen, also war gegen ein nicht allzu spätes Ende nichts weiter einzuwenden. (Zumal ich am nächsten Tag schon um 15 Uhr fit und schön sein mußte. Dieses Vorhaben wurde durch die in dieser Nacht vollzogene Zeitumstellung erheblich erschwert. Noch ahnte ich nicht, daß es nicht so laufen würde wie geplant, aber das ist eine andere Geschichte.) Die Bushaltestelle war gut besucht, was uns hoffnungsfroh stimmte. Um diese Hoffnung noch zu nähren, warf ich einen Blick auf den Fahrplan, stellte fest, mal wieder den zweiten Schritt vor dem ersten getan zu haben und fragte Steiner, wie spät es denn sei. „Zwei Uhr zwanzich“, antwortete dieser. KLICK! Es war einer dieser Momente, in denen man förmlich spürt, wie Schaltkreise im Gehirn sich schließen. Plötzlich war er da, der Witz, geistreich und von monumentaler Komik. „Du, Steiner“, sagte ich belehrend und laut genug, daß auch die Fremden es hören konnten, „der Ausdruck ‚2.20 Uhr' ist diese Nacht gar nicht definiert.“ Herrlich! Knapp zwei Sekunden konnte ich mich noch beherrschen, dann brach ich in schallendes Gelächter aus. Leider als einziger. Irritierte Blicke trafen aus allen Richtungen ein, Steiners als erstes. Das zeigte Wirkung, mein Lachen brach abrupt ab. Der Wind heulte leise. Grillen zirpten. Ein Käuzchen uhuhte. Das war’s. Ich hatte verloren. Sämtlich Versuche, die Situation jetzt noch aufzulockern, hätten alles nur noch peinlicher gemacht. Also sagte ich nichts mehr. Einmal trafen sich Steiners und mein Blick noch; stillschweigend vereinbarten wir Stillschweigen. Der Bus kam. Gesenkten Hauptes schlich ich in die hinterste Ecke, setzte mich, starrte aus dem Fenster und blies Trübsal. (Moment mal, war das nicht einen Abend später? Doch ich schweife schon wieder ab.) Wenige Wochenenden später bekam ich eine zweite Chance. Diesmal war es der Rosenthaler Platz, auf den ich gegen vier Uhr in der Früh zusteuheuerte. Dort warteten, wie um diese Zeit üblich, etwa zehn junge Menschen auf ihren Abtransport. Ich gesellte mich dazu und freute mich bald darauf über das Eintreffen des Busses. Geschwind vorne eingestiegen, arbeitete ich mich um so langsamer durch die im Bus stehende Menge. Ein paar Leute waren auch ausgestiegen, was einige meiner Mitwartenden wiederum zum Einstieg durch die nun offenen hinteren Türen nutzten. Ein anständiger Nachtbusfahrer sieht das natürlich gar nicht gern. So sprach dann auch dieses Exemplar ungefähr die folgenden Worte in sein Mikrofon (den genauen Wortlaut in all seiner grammatikalischen und syntaktischen Brillianz krieg ich leider nicht mehr zusammen.): „Werte Fahrgäste, bitte beachten Sie, daß nach 20 Uhr man vorne einsteigen muß und den Fahrausweis vorzuzeigen!“ oder so ähnlich. FLASH! Da war es wieder! Synapsen, die sich noch nie zuvor im Leben gesehen hatten, plötzlich in inniger Umarmung vereint. Etwas Großes war bereit, geboren zu werden, wenn ich jetzt keinen Fehler machte. Ich verbannte alles Oberlehrerhafte aus meinem Kopf (und da kam einiges zusammen), bemühte mich um einen freundlichen Umgangston, konzentrierte mich auf die vor mir liegenden Konsonanten (ich hatte schließlich getrunken) und rief nach vorn zum Fahrer (in Echtzeit war nur eine Sekunde vergangen) : „Es is noch nich zwanzich Uhr!“ Was soll ich sagen? Alles anders diesmal! Das kam an, die Leute mochten es. Das hier war nicht so ein gestelztes Kauderwelsch wie vor ein paar Wochen, kein Klugscheißer-Verb dabei, welches sofort verrät, wes Geistes Kind ich bin. Fröhliches Gelächter und freundliches Kopfnicken sind mein Lohn. Und dann ist da noch diese schöne Frau, die sich bis eben eng an ihren Freund geschmiegt hat. Jetzt löst sie sich etwas aus der Umklammerung, sieht mich an, lächelt und haucht: „Geil!“ Ich denke, daß sie Recht hat.
Zermelo