Seventies Rock
Seventies Rock | Grauzone 24
Eine von mir in der näheren Vergangenheit beobachtete Entwicklung mahnt mich, zu einem Thema Farbe zu bekennen, von dem ich glaube, daß es in nicht allzu langer Zeit einem Ausverkauf zum Opfer fallen wird, der es mir unmöglich machen würde, zu diesem Thema noch glühende Reden zu schwingen. Ich möchte heute meine Stimme zum hohen C erheben und ein Loblied auf den Seventies Rock singen, ehe dies die ganze Welt tut und ich in dem Chor der Nachäffer meine Identität verliere. Ja es ist wahr, ich war der Erste! Es erheben sich bereits schwammige Klone aus ihren Gräbern, die mir dies streitig machen wollen, aber die Wahrheit straft diese Nebenbuhler Lügen: Ich war der Erste! Wenn ich mir die Bilder von meiner Einschulung ansehe und darauf meinen Vater in gebügelten Schlaghosen mit einer Tüte, welche nicht meine Schultüte war, erblicke, dann weiß ich, ich habe diesen Rock mit der Muttermilch eingeimpft bekom men, lange bevor ich mir dessen Bedeut ung gewiß sein
konnte.
Und dieses elterliche Geschenk sollte nicht ohne Folgen bleiben: Es dauerte nicht lange, und ich bekam aufgrund meiner Veranlagung zum Rock meinen ersten Tadel. Nur weil ich meine Banknachbarin in der 2. Klasse mit Votze anredete! Das konnten Nicht-Rocker natürlich nicht verstehen. Zur Wiederherstellung der allgemeinen Ordnung heulte ich bei der Verleihung des Tadels ein bißchen, meine Stunde war ja noch nicht gekommen und ich mußte unerkannt weiter an meiner Bestimmung arbeiten. Das kam auch ganz gut an. Trotzdem mußte ich die Schule wechseln, aber auch dieses kam mir ganz gelegen, konnte ich doch in Erkner, meiner neuen Heimat, neue Triebe in mir Na Herr G. Danzig,wir entdeck waren auch nicht der en, die Erste, wa? mich auf der Straße des Rock ein wenig voranbringen sollten. Ich war inzwischen in der 3. Klasse und selbstverständlich Führer einer kleinen Gang. Die Boys waren alle ein wenig, na ich will mal sagen, einfach gestrickt, aber wenigstens machten sie, was ich ihnen befahl. Eines Tages waren wir auf Wildschweinsuche in einem Maisfeld nahe des Dorfes. Es interessierte ich herzlich wenig, nach diesen Viechern Ausschau zu halten, aber etwas hatte mich mit diesem Spiel versöhnt: Wir hatten zwei Mädchen unserer Klasse mit an Bord! Ich lies die Meute kreuz und quer durch das Feld hetzen, bis alle ziemlich geschafft waren. Mitten im Feld ging allen dann irgendwann die Puste aus und so legten sie in einem ungeordneten Haufen fernab jeder Zivilisation nieder. Ich hatte mich mit Absicht etwas zurückgehalten, und spürte nun, daß meine Stunde gekommen war. Kalt befahl ich meinen Jüngern die ebenso erschöpften Mädchen auszuziehen. Es gab ein riesiges Gezeter, aber meine Adepten des Rock waren in der Überzahl und mir willenlos untergeben. Als ich diese Komposition der Macht vor mir in dem Maisfeld sah, hörte ich das erstemal in meinem Kopf diese göttliche Melodie. Männerstimmen kreischten ekstatisch mit elektrischen Gitarren um die Wette, sakrale Orgelsätze rangen um mein Herz und exzessive Schlagzeugsolos prügelten mir diese neue Sehnsucht unter die Haut. In diesem Moment wurde mir klar: Ich würde nie wieder zur Ruhe kommen, ich hatte Blut geleckt, von jetzt an war ich ein gejagter Jäger. Ich überlies meine Gang dem Elend und rannte nach Hause. Ich war auf der Suche nach dieser Musik, die ich vernommen hatte und ich begann meine Nachforschungen in dem väterlichen Plattenregal. Doch ich mußte bald feststellen, daß ich hier wohl zu keinem befriedigenden Resultat gelangen würde, zu ausgebrannt klangen die einen und zu gezähmt die anderen Bands. Erst als ich Jahre und Städte später durch einen Zufall an eine Deep Purple Scheibe kam, wurde mir klar, daß ich eine Spur zum heiligen Gral gefunden hatte. Das war die Musik, die ich bereits verloren glaubte! Angenehm wurde ich an alle Schandtaten meines Lebens erinnert. People gonna rock, people gonna roll, people gonna party to safe my soul... Wie ich diese Jungs verstand! Nie hatte ich solch fundierten Umgang mit den Werkzeugen des Rocks: Gitarre, Baß, Orgel und Drums vernommen Nicht um die eine oder andere Fuge verlegen ließen sie keinen Zweifel an ihrem musikalischen Talent aufkommen. Ich soff mit alten Pennern in den Bahnhofshallen unseres Landes und lies mir die Geschichte meiner Helden erzählen. In den Nächten auf den Herrentoiletten lernte ich auch andere Bands kennen: Uriah Heep entflammten meine Herz. Elo Omega aus Ungarn bewiesen, daß auch im Osten Rock gesprochen wurde Iron Butterfly lehrten mich die Kunst der Hypnose und die Doors wiesen mir den Weg in die Drogenhölle. Ich opferte dem Rock alles, mein Geld, meinen Körper und meinen Verstand. Von den besten Freunden wurde ich verhöhnt, aus dem Elternhaus verstoßen und von den Frauen gemieden. Ich lebte das Leben eines Eremiten in einer Ameisenkolonie. Um mich herum oszillierte die Welt, nur ich stand und war meine eigene Schwerachse. Und Mitte der 90er geschah es: Zuerst waren es die Kinder reicher Eltern, später die Studenten und irgendwann wollte auf einmal die Blumen-Oma vom Antonplatz mit zum Rock gehören. Ich sah Schlaghosen an Versicherungsvertretern, zerrissene Hemden an BVG-Kontrolleuren, Hirschbeutel an CDU-Politikern und Tramper an den Füßen meines eigenen Vermieters. Ich geriet in Panik. Sollte ich mit diesem Pack zu einer verlogenen Masse der Hasenherzig keit verschmolzen werden? Mir ekelte vor mir selbst, bei diesem Gedanken. Ich mußte etwas tun, aber in meinem Kopf herrschte nur eine entsetzte Leere. Voller Verzweiflung fiel ich vor meinem Altar, den ich mir aus alten Gitarrenverstärkern gezimmert hatte, auf die Knie und befragte den Vater des Rock, Johann Sebastian Bach, in einem Gebet. Er hörte sich mein Wehklagen mit ernster Miene an und die Falten auf seiner Stirn gruben sich tief in sein Fleisch. In der Nacht darauf erschien er mir in einem Traum und nach einer angeregten Diskussion um den Kontrapunkt vertraute er mir seine Lösung des Problems an. Er sprach, „Höre mein Sohn, der Rock kennt keine Scharlatane! Richte diese Quacksalber mit deiner hohen Stimme, denn wohl können diese Narren sich verkleiden und falsch Zeugnis reden, aber der Macht des geschrienen Wortes werden sie nicht gewachsen sein, denn dieses durchdringt ihre Fassade und stellt des Betruges bloß. Ich werde dafür sorgen, daß du deinen Kampf nicht alleine führen mußt!“ Damit verschwand der olle Bach aus meinem Traum. Am nächsten Morgen regte es sich in den Gräbern der Welt. Morrison streckte seine Glieder in Paris, Bon Scott wischte sich das Erbrochene aus dem Gesicht und selbst Marc Bolan machte sich mit auf den Kreuzzug nach Berlin. Unter der Berührung des alten Schamanen Morrison verwandelten sich die von ihm ausgewählten Häuser in mächtige Verstärker. Aus allen vier Himmelsrichtungen näherten sich die toten Rockstars dem Alexanderplatz. Dort angekommen nahmen wir uns an die Hand und brüllten wir das lauteste und das höchste
Fuck!
Was die Welt je zu Gehör bekommen hatte. Dieses Fuck! fraß sich durch die Ohren eines jeden Judas und ließ das Blut aus den Trommelfellen der falschen Propheten schießen. Wir pißten auf die sich am Boden krümmDie Speerspitze enden Opfer bei der Arbeit und liefen, eine Tüte von der anderen Seite rauchend, in die Sonne hinein....
Steiner