Post-Punk-Decade Teil 2
Post-Punk-Decade Teil 2 | Grauzone 07
Nachdem im ersten Teil dieses Artikels das Augenmerk wesentlich auf die Entstehungsgeschichte des PostPunk gerichtet wurde, soll an dieser Stelle diese Szene etwas genauer unter die Lupe genommen werden. Dabei lohnt es, sich auf drei typische Vertreter dieser Epoche zu konzentrieren. Etwa zeitgleich formierten sich Ende der 70iger die Fundamente von Joy Division und Killing Joke, wobei die Anfangsperiode der Erstgenannten recht ausführlich auf einer Reihe von Bootlegs dokumentiert ist. Damals noch unter den Namen Warzaw musizierend, hob man sich zunächst lediglich durch das latent schizophrene Auftreten zwischen Verherrlichung der NSKultur ( An Ideal for Living, der HJTrommler auf der 2. Single bzw. die strikte 30iger Jahre Mode der Bandmitglieder ) und deren Ablehnung in den Songtexten ( Leaders of Men, They walked in Line...) von dem musikalisch noch starken Einfluß auf die Band ausübenden UK-Punk, ab. Empfehlenswert für diese frühe Phase ist der Bootleg "Pearl Habour", seines Zeichens wahrscheinlich das Grenzalbum zwischen Punk und Post-Punk überhaupt, denn im Windschatten der allgemein üblichen Provokation schlichen sich bereits einige, dem punkgewöhnten Publikum ungewohnte Zungenschläge in das mit einer enormen Intensität vorgetragene Programm der Band. Die Titel "Ice Age" oder "Failure" dokumentieren beispielsweise den verlorengegangenen Lebensweg einer zum Scheitern verurteilten Generation, ohne dabei direkt eine Beseitigung dieses Mißstandes zu fordern, weil dieses genauso utopisch schien, wie eine zeitbedingte allmähliche Erwärmung dieser Eiszeit der frühen 80iger. Schon im nächsten Album, dem ersten offiziellen der Gruppe Joy Division, sprach man in dieser Thematik einen viel deutlicheren Ton. "Unknown Pleasures" öffnet zwar mit dem recht flotten "Disorder" in alter Manier, ist aber in diesem Stil nahezu einzigartig auf dem gesamten Album. Prophetisch für die kommenden Songs lauten die ersten Zeilen :" I've been waiting for the guide to come and take me by the hand. Could these sensations make me feel the pleasures of a normal man. These sensations barely intereset me for another day. I've got the spirit, lose the feeling, take the shock away ". Es gab wohl kein Guide und auch mit den Vergnügungen des einfachen Mannes kann es nicht soweit her gewesen sein, denn es folgen eine Kette von düsteren Großstadtvisionen, ohne den Funken einer Perspektive. So folgt in "Day of Lords" nach der ersten Strophe:"This is the room, the start of it all, no portrait so fine, only sheets on the wall. I've seen the nights, filled with bloodsport and pain, and the bodies o b t a ined.." die makabre Feststellung " I guess you were right, when we talked in the heat, there's no room for the weak...". Auf fatale Art und Weise werden überaus kunstvoll und beeindruckend die Weichen auf Abgrund gestellt und die fast religiöse Ahnung erfaßt den Hörer, daß mit der Tragik des Sängers Ian Curtis ( manisch depressiv, Epileptiker ) eine Authenzität in reinster Form geboren wurde, die durch ihr Schicksal all jene beschämt, die in dem nächsten Jahrzehnt soviel Schindluder mit der Thematik dieser Musik getrieben haben. Dem Zuhörer wird weder die Chance zum Ergötzen an diesem Trauerspiel noch der Zwang zum Mitleiden auferlegt; auf eine bis heut unwiederholte Art und Weise ist die Musik sogar in der Lage, enorm konstruktiv auf das Gemüt einzuwirken, und sei es durch die Erweiterung des bis dato an Banalitäten verendenen Verständnis für das Wesen der Tragik. Die zweite Seite des Albums greift erneut in das Geschehen des Post-Punk ein. Vergleichbar mit dem verbissenen Lebensmut eines Aidskranken genießt die Band die Ekstase als Stilblüte jener, die eh nix mehr zu verlieren haben. Man darf auch nicht vergessen, daß nach eigenen Angaben der Musiker die Zeit bei Joy Division kein permanentes Jammertal gewesen war, sondern eher gegenteilig die Spielwiese, auf der man ohne die Existenz der Probleme zu leugnen, sich auf eine gewisse Weise freispielen konnte, und sei es nur für den Augenblick der ohnehin außergewöhnlichen Konzerte. Das nächste und zugleich letzte Album "Closer" verließ die Möglichkeit jedweder Zuordnung zu einem bestimmten Musikstil und ist damit ein für sich eigenes Kapitel, für die Thematik dieses Textes ein zu abschweifender Inhalt. Ähnlich in ihren Anfangstagen, aber einen völlig anderen Weg einschlagend stehen Killing Joke für eine zweite Kraft aus dem Lager des sich formierenden Post-Punk. Wie auch bei Joy Division wurde die Musik extrem durch den Charakter des Frontmannes bestimmt, jedoch anders als bei den zuvor Beschriebenen glänzte Jaz Coleman, seines Zeichens Sänger bei Killing Joke, durch einen messerscharfen Verstand, schwarzer Komik und politischen Ambitionen, die ihn eher verwandt mit einem gewissen Jello Biafra erscheinen lassen. In den frühen Zeiten galt das Bestreben der Band dem Ziel, die bestehende Punkmusik über die Rhythmussektion zu reformieren. Ohne auf den Gebrauch von verzerrten Gitarren und Gebrüll zu verzichten, schufen Bass und Schlagzeug der Band schon immer eine als extrem tanzbar angedachte Mischung, die in der Lage war, enormen Enthusiasmus zu verbreiten. Dennoch wurde diese Musik mit der Ausnahme der "Nighttime" Aufnahmen und dem ewig für die 80iger herhaltenmüssenden "Love Like Blood" nie so richtig salonfähig, weil in den Lyrics von Coleman auf unangenehme Art und Weise sogenannte "Szenemultis" an ihren eigenen Unzulänglichkeiten gepackt wurden und außerdem nach diesem recht gefällig ausgefallenen Album die Band über eine extrem atonale Phase (Extremities, Dirt And Various Repressed Emotions) zielstrebig den Pop in Richtung Industrial verlassen hat. Dabei ist letztgenannter Musikstil nicht mit dem heutigen Industrial à la Ministy oder Krupps zu vergleichen, weil der inhaltliche Anspruch bei Killing Joke stets ein ganz anderer war und ist. Doch zurück zu den Anfängen: Die hypnotische Kraft aus den sauber gespielten Rhythmen gab frühen Songs, wie zum Beispiel "Psyche" von der LP "The Bum`s Rush", eine ganz besondere Eindringlichkeit für die meist wild gebrüllten Texte des Sängers." look at the controler, a nazi with a social degree, a middleclass hero, a rapist with your eyes on me ...". Viele der Songs, mehr oder weniger drogeninspiriert, erinnern mit ähnlichem Kontext an die Szenerie einer Irrenanstalt, wo, wie sonst nirgends auf so engen Raum, Aggression, Lethargie und Tragik so eine unheilvolle Liason eingehen. Wenige Jahre später erscheint bereits kurz erwähntes Album "Nighttime" in ungewohntem PopGewand; wobei die Bezeichnung Pop sich in diesem Falle auch auf den damals mit hohen kreativen Ambitionen getragenen neuen Musikstil bezog, welcher paradoxerweise als das Endprodukt der Metamorphose Punk betrachtet werden muß. Genauer gesagt versteht sich, wie an dem Beispiel Killing Joke sichtbar, Post-Punk als das Bindeglied zwischen Punk und Pop, wobei letzterer mit einer bis dato ungekannten Geschwindigkeit seiner Eigenständigkeit beraubt und zu dem Schlachtfeld geldgeiler und geschmacksneutraler Vollidioten wurde, die uns die Misere des ausklingenden 20. Jahrhunderts beschert haben. Nicht minder ausgebeutet und sinnentstellt wurde ein anderer Erbe des Post-Punk. Gemeint ist der heute als Rudiment noch aktive Teil der einstmals recht illustren Gothic-Szene, als deren geistige Väter gern die Gruppe Bauhaus zitiert wird. Ganz einwandfrei ist diese Feststellung sicher nicht, weil das musikalische Gesamtbild dieser Gruppe sich viel zu streng dem puristischen Stil der gleichnamigen Kunstform verpflichtet fühlte, und damit wenig mit dem überladenen und verschnörkelten Strukturen der Gothics in den 90igern gemein hatte. Selbiger Kunststil pfiff auf alles was sich nicht unter dem Zeichen des Funktionalismus einen lies. Ähnlich geartet waren dann auch streckenweise die Bauhaus Songs. In unterkühlten Hasstiraden sang man über die Langeweile im Neubau, Small Talk und die Wundmale unseres Herren. So konsequent wurde dies aber auch nur auf der "In the flatfield" umgesetzt, spätere Werke gaben schon eher dem erklärten Idol David Bowie und seiner Glam-Rock Phase Raum zur Inspiration. Bemerkenswert waren jedoch die künstlerischen Ansätze mit denen an der Umsetzung der Songs gearbeitet wurde. So glichen die Konzerte der Band auch eher einer Theatervorstellung, ohne das die Band dabei im extremen Sinne schauspielerisch tätig wurde. Vielmehr gab man Augenmerk auf die perfekte, den Songs entsprechende Ausleuchtung und Gestaltung der Bühne, was zu damaliger Zeit durchaus als innovativ galt. Ebenso zielsicher steuerte die Band durch die surrealen und psychedelischen Videos eine eigene Sparte der Kurzfilmkunst, die in ihrer Art an die Stummfilme in den 30igern erinnerte. Ohne abgrundtief in die Trickkiste greifen zu müssen, wurden mit Hilfe von geschickten Überblendungen grobe Sinnverschiebungen realisiert, die den Bildwerk jene surreale Wirkung verliehen. So wurde zum Beispiel zur Eröffnung eines Konzertfilms der Band eine Szene gestellt, in der ein alter Mann drei Junggesellen an einer Bar eine Taschenuhr stiehlt. Im folgendem sieht man den Alten mit dieser Uhr zügigen Schrittes, jedoch nicht eilend, durch alte Industrieanlagen laufen, verfolgt von den bis an ihre Leistungsgrenze rennenden Jugendlichen. Da immer beide Parteien getrennt gefilmt wurden, lies das die Möglichkeit, daß die Jungen den Alten nie wirklich erreichen, obwohl sie es nach wenigen Metern hätten tun müssen. Alles in Allem muß man der PostPunk Ära, die als solche eigentlich nur als eine Zwischenstation zu verstehen ist, ein unbändiges Potential an kreativer, ehrlich empfundener Kunst zugestehen; vielleicht sogar unerreicht in der Musikgeschichte. Die Zeitlosigkeit, mit der die Bands ihre Musik geschaffen haben, läßt Themen dieser Jahre auch heute noch aktuell erscheinen, zumal viele der heute im Rampenlicht stehenden Musikstile ihre Wurzeln in die Erde des Post-Punk geschlagen haben, sei es symbiotisch oder parasitär. Die Weichen jedenfalls wurden damals in die richtige Richtung gestellt und für das Entgleisen mancher Züge wird man die Wegbereiter wohl kaum verantwortlich machen wollen.