Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Butje, butje, timpete..

Butje, butje, timpete.. grauone 07

Alle meine Versuche, einen Fisch zu überreden, zu mir an Land zu kommen, waren bis jetzt fehlgeschlagen. Am Ende meiner fünften ausdauernden Angelsitzung an dem dritten skandinavischen See stellte ich fest, dauerhaft nichts anderes gesehen zu haben als eine immerzu auf- und abtanzende Pose, die ab und zu mal ganz verschwand, um dann sofort wieder aufzutauchen. Böse Zungen werden jetzt behaupten, es hätten unentwegt Fische gebissen, nur ich allein wäre zu blöd gewesen, sie herauszuziehen, aber das ist Anglerlatein. In Wirklichkeit lag diesem Phänomen etwas zugrunde, dessen Entdecker ich werden sollte. Es wurde mir bald klar: Was da meine Pose tanzen ließ, war ein höchst intelligentes Tier. Hier in skandinavischen Breiten hatte ein Fisch den evolutionären Sprung vom gemeinen Backfisch hin zum fiesen Stenkerfisch geschafft.

Psychologisch betrachtet und zugleich der Verhaltenspyramide Gutenbergs folgend, ist diese Art über rein physische Bedürfnisse wie Essen und Schlafen schon erhaben. Auch soziale Zufriedenheit im Sinne von Kontakt zu Artgenossen und Ansehen unter Seinesgleichen ist ihm kein Thema. Der Bedürfnisleiter nach oben folgend ist auch Macht und Einfluss kein Problem mehr für ihn, denn durch List und Tücke ist er in der Lage, selbst physisch überlegene Tiere in Schach zu halten. Das Erfassen von Objektpermanenz und die Fähigkeit zu abstraktem Denken könnten ihn zum König oder Kaiser der Gewässer machen, doch diese Ziele sind ihm viel zu nieder. Er, den ich als sein Entdecker „Mießling“ nenne und der bis dato vom Menschen völlig unbemerkt blieb, ist schon auf der Stufe der Selbstverwirklichung angelangt. Doch gehemmt durch den Aggregatzustand seines Lebensraumes ist dies in Öl, wie es Artgenossen meiner Spezies oft versuchen, leider nicht möglich. Also hat er sich einem seiner Art viel näher liegenden Thema gewidmet: der systematischen Verarschung unbescholtener Angler.

Hämisch grinsend bis schallend lachend (das ist es, was jeder Angler für oberflächennahe Flossenbewegungen hält) schwimmt er vor dem Haken seines Opfers in der Gestalt eines Angelfreundes her und zupft sehr geschickt, ohne sich dabei in Gefahr zu bringen, am Köder und freut sich über jede Äußerung von Unmut des wieder leer Ausgegangenen. Ähnlich den Menschen, die sich über Filmmitschnitte von Wartenden freuen, welche von hinterlistigen Showmastern auf den Arm genommen werden, amüsiert sich der Mießling mit jeder weiteren vergeudeten Stunde des Anglers mehr. In meiner grenzenlosen List und als sein Entdecker ihn durchschauend kam ich auf den Einfall, ihn zu überlisten: die Angel an einen Baum zu binden (falls doch irgendetwas an meiner Theorie nicht stimmte) und zu gehen. Dieser Mießling sollte sich nicht über mich lustig machen, sondern zum Opfer meines Gespöttes werden. Doch ich hatte ihn unterschätzt. Er musste den Braten gerochen haben und war in Ermanglung meines Ärgers schnell gelangweilt. Und da keine noch so große Intelligenz immun gegen Langeweile ist, war er wohl abgezogen, um sich auf die Suche nach einem „dankbareren“ Opfer zu machen.

Damit war der Weg zu meinem Haken frei für alle Tiere, auf die ich es ursprünglich abgesehen hatte: Hechte, Zander, Karpfen, Thunfisch und Haie. Und tatsächlich: Ich kam zurück und die Pose war abgetaucht – und zwar diesmal ohne gleich wieder aufzutauchen! Nur die 36 Stunden, die ich diesem Moment nun schon entgegenfieberte, und meine Gewissheit, gleich etwas Kapitales an Land zu ziehen, können meine Aufregung in diesem Moment erklären. Ich geriet also in einen Zustand nahe dem, was man Panik nennt, und hastete, rannte und stolperte zum Auto, um den großen Unterfangkescher zu holen, knipperte gierig die Rute vom Baum und begann mit dem Tier zu ringen. Es war gar nicht mehr nötig, ihn anzuhacken, damit sich der Haken noch fester verfängt; der saß, und dass ich ihn verspeisen würde, war nur noch eine Frage der Zeit und meiner Kraft – und daran sollte es nicht fehlen!

Ich rannte am Ufer hin und her, zog und zottelte, bangte erst um die Sehne, dann um die Angel und plötzlich ließ er ruckartig nach, sodass ich Probleme hatte, mich auf den Beinen zu halten, und gab sich meinen Augen preis. Mir präsentierte sich ein kapitales, bauchiges, voluminöses, grünes, zotteliges und triefendes Bündel Seegras, das der etwa zehn Zentimeter kurze Fisch bei seinem halbstündigen Versuch, sich zu befreien, wohl mit der Sehne zurechtgeschnürt hatte. Kurz flammte noch einmal Hoffnung bei dem Gedanken daran auf, es könnte sich hierbei doch um den übermütig gewordenen Mießling handeln, der mir jetzt für seine Freilassung drei Wünsche erfüllen würde, und trotz aller Verzweiflung und der damit verbundenen Umklammerung des sprichwörtlichen rettenden Strohhalmes war mir doch sofort klar, dass hier der Wunsch Vater des Gedankens gewesen sein musste. So gab ich mich der Niederlage hin und verstaute die komplette Ausrüstung nahe dem Reserverad, um sie in diesem Urlaub sowie in diesen Breiten nie mehr hervorzuholen.

Bleibt mir nur noch die Warnung: Skandinavien = Angelparadies = Lüge!!

Zweckvegetarier R.K.

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