Die Wahrheit - Lustige Reiseberichte
Die Wahrheit - Lustige Reiseberichte | Grauzone Nr 14
Es ist noch nicht allzu lange her, da war ich mit meiner Mittelalterband in Boizenburg. Ja ich weiß es sogar ganz genau, es war am sogenannten Herrentag. Durch reichlich rumtelofonieren und rumlabern sind wir da an einen Veranstalter geraten, der, wie es schien, ne ganz große Nummer in diesem Geschäft ist. Es hörte sich jedenfalls so an und er meinte wir könnten ja mal auf seinem sogenannten Hexenmarkt zum Herrentag in Boizenburg (MeckPom) ne Probemugge machen. Also was solls, dachten wir uns, vielleicht springen ja im Anschluß ein paar vernünftige Gigs dabei heraus. Wir also hin nach Boizenburg mit Transporter und PKW, um die norddeutschen Menschen mit wohltuenden, mittelalterlichen Klängen zu überraschen. Dort angekommen mußten wir allerdings feststellen, daß dieser sogenannte Hexenmarkt nichts weiter war, als ein paar Freßbuden, ein paar Stände mit Kram den die Welt nicht braucht, einer relativ großen Bühne und der gegenüber ein riesiger, runder, überdachter Biertresen. Nach reichlichem Suchen hatten wir dann auch endlich den Veranstalter ausgemacht, der sich gerade als HexenDJ produzierte und dabei ziemlich dämlich aussah. Händeschütteln, grinsen, Ihr könnt anfangen wann Ihr wollt. Garderobe gibt es nicht. Egal, also Transporter zur G a r d e r o b e g e a m c h t, g e h t s c h o n i r g e n d w i e . Soundmittelaltertruhe auf die Bühne, Sender an Geige und Cello - kurzer Soundcheck und anschließend ins Mittelalterkostüm (Puffelhose, Leinenhemd, Lederweste, Schnabeltassenschuhe - fertig). Es ist zwar untypisch für dieses Genre irgendwelche Instrumente zu verstärken, aber bedenkt man die Tatsache, daß sich Cello und Geige niemals gegen die Dudelsäcke und Trommel durchsetzen können, ist dieser Aspekt der moderne Klangumsetzung schon gerechtfertigt. Es kommt bei den Leuten auch immer sehr gut an, wenn man alle Instrumente laut und deutlich hört. Zurück zu Boizenburg. Wir also endlich auf die Bühne - und los. Kurze Ansage und den ersten Song gespielt, der da die Skudrinka ist. Es regnete, kaum Leute da und die, die uns zuhörten hatten sich allesamt unter dem Biertresen versammelt und bedachten uns mit tollen Zurufen, wie: Ausziehen, spielt doch noch einen u.s.w. Ein Stück weiter weg versammelten sich mittlerweile so ca. 20 Glatzen und beäugten uns argwöhnisch. Aber der Höhepunkt war, kaum daß wir angefangen hatten betrat eine etwas abgedrehte Frau die Bühne und brüllte, wir sollten sofort aufhören, alles Betrug u.s.w. Die Frau war nicht zu beruhigen und zog so ziemlich alle Stecker, die sie auf der Bühne finden konnte, fand aber unseren nicht. Unbeirrt dieser etwas chaotischen Situation spielte ich weiter auf meinem Cello, bis ich wirklich gezwungen wurde aufzuhören, weil die gute Frau anfing, an meinen Haaren zu zerren. Es wäre fast zu einer faustdicken Prügelei auf der Bühne gekommen, wenn da nicht endlich der Oberhexenveranstalter in Begleitung seines Adjutanten die etwas verwirrte Frau von der Bühne entfernt hätte. Nun ja wir zogen unser kleines Programm aber trotzdem durch und freuten uns auf den Heimweg. Der Hammer aber war, daß ich auf diesem reudigen Hexenmarkt noch meinen Zahnarzt getroffen habe, der uns im Anschluß an unsere Vorführung zu reichlich Bier und Sekt einlud und immer wieder beteuerte wie toll wir sind und das Wetter an allem schuld sei. Guter Dinge und an Erfahrungen reicher fuhren wir gegen Abend wieder zurück nach Berlin. Es war ein guter Herrentag und ich freue mich schon auf das nächste mal, wenn es heißt: Großer Hexenmarkt in Boizenburg am Herrentag. Also Prost! Euer Floyd!