Meine Laterne!
Meine Laterne! - grauzone 08
Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe und nicht so hacke bin, dass ich gar nichts mehr merke, oder so müde, dass eh alles zu spät ist, kann ich nicht einschlafen, weil mich der helle Schein einer verschissenen Straßenlaterne auf der anderen Straßenseite stört. Also liege ich da, geblendet vom Schein dieses impertinenten Bollwerks großkapitalistischen Kontrollwahns, und kann mich nicht wehren. Jeder würde jetzt sagen: „Mach ’ne Gardine vor!“, aber Gardinen sind nun für mich ein Bollwerk verstaubter Großmutter-Putzwahn-Spießigkeit und daher auch zutiefst ablehnenswert.
Ich wollte sogar mal etwas tun. Ja, ich stand auf, ballte die Faust, rief „Jetzt reicht’s!“ und sprang in meine Kutte, um ohne Stopp zum Jalousienladen zu hetzen (nicht nachts, sondern nach einem Frühdienst, als generell alles zu laut, zu hell und zu beschissen war). Ich fand eine Jalousie und zückte kurzentschlossen – nicht ohne Tränen im Auge – meine Karte. Doch der sackgesichtige Verkäufer hatte ein sackgesichtiges Geldkartenlesegerät, und so wurde meine Karte nicht akzeptiert, was der Verkäufer mit den Worten „Wohl damit im Budelkasten gewesen“ kommentierte. Ich machte mich ohne Jalousie und voller Resignation auf den Weg nach Hause.
Dazu kommt noch, dass ich am Morgen meistens meine, in der Nacht davor bezüglich der Laterne geschlossenen, Entscheidungen verdrängt habe und erst in der darauffolgenden Nacht wieder daran erinnert werde. Zu dieser Zeit fehlt mir dann jeglicher Elan, meinen Schlaf in die Hand zu nehmen, und ich liege wiedermal nur stumm leidend da, bemitleide mich.. doch in letzter Zeit geht es mit dem Einschlafen wieder besser. Das liegt daran, dass ich mir angewöhnt habe, mich abends immer in den Schlaf zu weinen.
Karsten