Die Wahrheit - Erkenntnisse anschaulich erklärt
Die Wahrheit - Erkenntnisse anschaulich erklärt | grauzone13
Seit einiger Zeit verbindet mich eine Art Hassliebe mit einer besonderen Spezies Mensch. Ich bin mir dabei selbst nicht sicher, was mich überhaupt dazu bewegt, auch nur einen Gedanken über diese Leute zu verschwenden. Andererseits habe ich auch noch nicht herausgekriegt, was mich dazu treibt, nochmal an meinen Socken zu riechen, bevor ich sie in die Waschmaschine werfe...
Und irgendwie muss man ja sein Hirn auf Zack halten. Kurz: ich habe jenen Subjekten mein Interesse gewidmet, die im Volksmund verblümt als Mecker-Köpfe bezeichnet werden. Zusammengesetzte Wörter reizen mich immer zur Auseinandernahme, und mit einem Minimum an assoziativem Denken fällt mir die Anleihe aus des tierliebenden Volksmundes reichlichem Wortschatz (Deklinationen für alle!) ins Auge: meckern – das kennt man von den Ziegen – wie den Reibelaut zwischen O und G von den Fischen.
Die Ziege meckert ohne Frage. Und wann meckert die Ziege? Wenn sie unzufrieden ist. Da muss man kein Behaviorist für sein, denn wenn die Ziege zufrieden wäre, würde sie einfach nur auf der Wiese stehen und fressen, und mit Gras zwischen den Backen kann auch eine Ziege nicht meckern. Offensichtlich wurde der Mecker-Kopf also von Anbeginn an als Synonym für Menschen verwendet, die – soweit sie nichts zu kauen haben – ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen.
Das finde ich auch prinzipiell nicht verwerflich, schließlich handhaben das ja schon die Säuglinge so: Krawall schlagen und auf Mama warten. Nur ist der durchschnittliche Herangewachsene wohl in der Lage, sich selbst zu verköstigen. Es muss sich also um eine andere Art von Unzufriedenheit drehen, deren Ursachen aus eigener Kraft nicht zu beheben sind. Und hier wird’s interessant, denn bei genauer Betrachtung entpuppen sich nämlich die schnarchigsten buttheads als geradezu impulsiv kreativ, wenn es um das Finden von Gründen für eine ausgewachsene Unzufriedenheit geht.
Da wird gemeckert über die Verhältnisse im Allgemeinen und im Speziellen, dass man arbeiten muss und dass die Kohle wieder nicht für alle CDs reicht, die man sich kaufen wollte, über zu hohe Bierpreise und schlechte Bands, über den Mangel an Sexualpartnern und dass die anderen alle eh einen Sockenschuss haben, über die Unpünktlichkeit der Straßenbahn und die ständige Hektik, über die flegelhafte Jugend und das penetrant pingelige Alter, über unfreundliche Bedienung in der Kaufhalle und lahmarschige Radfahrer an der Ampel, über Mütter, die mit ihrem Kinderwagen den Ausgang blockieren, und die Post, die wieder zu spät kommt.
Daneben ganz klar über zu kleine Döner, über leere Zigarettenautomaten und Vietnamesen, die am Freitagnachmittag keine Kippen mehr verkaufen, über kleine Jungs, die an der Haltestelle Spuckepfützen anlegen, und Ausländer mit teuren Autos, über die besten Freunde, die einen mal wieder nicht verstehen, und natürlich über Leute, die an allem etwas auszusetzen haben... Wer meckert, fühlt sich in aller Regel zutiefst ungerecht behandelt.
Meckern ist vor allem anprangernd und selbstgerecht: Die anderen haben was falsch gemacht, und das Leben scheißt einem sowieso dauernd ins Gesicht. Und das, obwohl man selbst tagtäglich sein Bestes gibt und sich für alle Welt den Arsch aufreißt und es ja nur gut meint. Meckern ist also eine Art Ventil für den angestauten Frust. Schlauerweise muss man nicht immer über das am meisten meckern, was einem den größten Frust verursacht, sondern kann seine schlechte Laune – wie oben angedeutet – mit etwas List eigentlich bei jeder Gelegenheit und an jedem beliebigen Menschen auslassen.
Meckern wirkt befreiend: Wer auf dem ganzen Heimweg nach der Arbeit herzlich meckert, kann damit durchaus seinen Feierabend retten.
Soweit wirkt das Meckern erst einmal ganz logisch, es nimmt seinen Platz ein im Reigen der psychologischen Selbstregulierung: Das Bedürfnis, mal so richtig zu meckern, wird befriedigt, wenn man mal so richtig meckert. Für diese Erkenntnis braucht man aber keinen seitenfüllenden Artikel über Mecker-Köpfe zu schreiben.
Das Besondere an Mecker-Köpfen ist ja gerade, dass sie permanent meckern – über alles und jeden Furz.
Und hier muss man unterscheiden zwischen verschiedenen Typen: Auf der einen Seite gibt es sicherlich außerordentlich frustrierte Menschen, die also auch mehr Grund zum Meckern haben bzw. brauchen – erfahrungsgemäß äußerst unangenehme Zeitgenossen, denen man aber auch Verständnis entgegenbringen sollte. Darüber hinaus gibt es jene Leute, denen das Meckern offensichtlich so gute Laune beschert, dass sie nicht davon lassen können.
Bei denen muss der natürliche Regelkreis irgendwie mutiert sein. Ich würde sogar so weit gehen, ihnen eine gewisse Abhängigkeit zu unterstellen: Meckern macht süchtig. Ohne es selbst zu bemerken, rutschen sie immer tiefer ab, gefallen sich am Ende gar in der Rolle des Mecker-Kopfes.
Wenn man sie darauf anspricht, reagieren sie zumeist erstaunt bis beleidigt – je nachdem, zu welchem Grad diese Bezeichnung für sie noch negativ besetzt ist. Nun gibt es ja verschiedenste Wege, persönliches Glück zu erlangen, und ich wäre der Letzte, der andere für ihre – selbst ausgefallenen – Methoden stigmatisiert. Aber Mecker-Köpfe halte ich für kranke Menschen, die unserer Hilfe bedürfen. Auch wer meint, man könne Leute, die einem auf den Sack gehen, ignorieren, wird doch früher oder später die gesellschaftlichen Auswirkungen nicht leugnen können.
Spätestens wenn im eigenen Freundeskreis der erste Mecker-Kopf auftaucht, sollte man sich akut alarmiert fühlen: denn Meckern ist eine ansteckende Krankheit! Aber auch heilbar – wenn beizeiten diagnostiziert.
Erstes Symptom ist das allgemeine Frustrations-Eingeständnis: Ich hatte heute einen beschissenen Tag, man, wie mich zurzeit alles ankotzt. Die Person erkennt in diesem frühen Stadium meist noch die Ursachen für ihren Frust und auch die negativen Auswirkungen auf ihre Laune und sucht eigentlich nur die Aussprache mit einem guten Freund.
Hier kann noch problemlos geholfen werden. Schwieriger wird es schon, wenn indifferente Unmutsäußerungen auftauchen: Die Person wirkt in diesem Stadium gereizt und lässt ihre schlechte Laune unmotiviert ab: Man ey, kommt hier nur Scheiße im Radio? Oder: Boaaah menne ey, wat wackelt denn dieser Scheißstuhl andauernd...?
Hier begibt man sich mit der gut gemeinten Frage Haste schlechte Laune? schon in Teufels Küche, denn nichts steigert schlechte Laune mehr als diese scheinheilige Neugier.
Wenn man die betreffende Person mag, sollte man behutsam versuchen, ihr alle wichtigen Hintergrundinformationen aus der Nase zu leiern und mit ihr gemeinsam die Kausalitäten abzuchecken: Du, Mensch, ich verstehe ja total, dass dich das nervt, diese Sache mit deinem Führerschein – du, ähm... aber Mensch, da hättste doch nicht gleich das Radio runterhauen müssen!
Während diese Symptome bei oberflächlicher Betrachtung bereits zu Missverständnissen führen können, sind bei dem folgenden Stadium in der Tat die engsten sozialen Bindungen gefährdet: das Stadium der unmotivierten differenzierten Frust-Attacken gegen Personen, im Allgemeinen als Dizzing oder auch Heavy Dizzing bezeichnet.
Man versucht, seinen Frust abzubauen (oder eben auch nur Spaß zu haben), indem man gute und beste Freunde verbal an empfindlichen Stellen trifft. Dabei kann durchaus ernst gemeinte Kritik mit einem Fünkchen Gehässigkeit gewürzt werden – das erhöht auf jeden Fall die Wahrscheinlichkeit eines Rückschlags: getroffene Ziegen meckern...
In etwa: Man, du kümmerst dich überhaupt nicht mehr um die grauzone, kein Wunder, dass du immer fetter wirst! Antwort in etwa: Du musst dich melden, du Arsch! Bei deinen Artikeln hör ick eh von allen, dass du nich schreiben kannst!
In diesem Stadium verbreitet sich das Meckern wie ein Lauffeuer, da sich zum einen jeder dran beteiligen kann und zum anderen eine Art ungeschriebene Treffer-Tabelle in Kraft tritt, in die sich jeder subjektiv seine Punkte einträgt, wobei ein schlechter Punktestand natürlich zu ärgstem Gedizze anstachelt.
Gefährlich ist dieses Stadium aber vor allem deshalb, weil die Beteiligten sich selbst der Logik ihres Meckerns natürlich nicht bewusst sind – Außenstehende das typische Dizzing-Klima aber eher meiden, als sich mit Vermittlungsversuchen zur Zielscheibe der ganzen Posse zu machen.
Die genannten Stadien und ihre Symptome machen deutlich, wie sich die Krankheit Meckern entwickelt, wie sie sich ausbreitet und wie sie letztendlich asozial und destruktiv auf das menschliche Miteinander wirkt. Aber auch, woran man sie erkennt und dass ihr nur mit viel gutem Willen und Feingefühl beizukommen ist.
Wir haben also den Mecker-Kopf näher unter die Lupe genommen und als eindeutig krank und hilfebedürftig gebrandmarkt.
Ein Paradoxon ist mir jedoch bei meinen Betrachtungen im Geiste hängen geblieben: Was macht eigentlich ein Mecker-Kopf, wenn es absolut nichts zu meckern gibt? Wahrscheinlich meckert er ja dann darüber, dass es nichts zu meckern gibt – was mich in meiner Verschwörungstheorie aus grauzone Nr. 7 bestärkt:
Man stelle sich einen Mecker-Kopf im Himmel vor – alles ist perfekt und alle sind glücklich, bis auf den Mecker-Kopf, der mangels Abwechslung allein darüber meckert, dass es nichts zu meckern gibt – und das in einer niemals endenden Informationsschleife.
Ohne Frage: Diese Leute, die uns bereits hier auf Erden fertig machen wollen, werden wir auch im nächsten Leben nicht los!
Das aber heißt für mich nur eins: Wehret den Anfängen! Lasst nicht zu, dass sich die Mecker-Köpfe weiter ausbreiten, dass eure besten Freunde und am Ende sogar ihr selbst von der Mecker-Krankheit befallen werdet!
Aus Millionen Kehlen erschalle der Kampfruf: MECKER NICHT!!!
rog
Informatives und Unterhaltsames nicht nur zum Thema Meckern findet Ihr übrigens auf den WB13-Homepages, speziell im Gästebuch, wo derzeit eine hochbrisante Diskussionskultur herrscht, in der sich so manches Stadium des Meckerns widerspiegelt...