Punzenjagd im Nivea-Amoklauf
Punzenjagd im Nivea-Amoklauf | grauzone 09
Auch den Bildschirmschoner zu ändern bzw. die Zeit anzupassen, die vergeht, bis er anspringt, ist eine Möglichkeit, das Loch zu überbrücken, vor dem man steht, wenn man einen Beitrag beginnt.
Nein, es ist nicht nur Wichtigtuerei, sondern auch notwendig, da man in seinem Gedankenfluss, der durchaus der Anfang einer Episode werden könnte, vollkommen unterbrochen wird, wenn der Bildschirm anfängt, Rohrleitungen darzustellen, die wie von Geisterhand ein chaotisches Gebilde formen. Und das sind noch die harmloseren Spielchen, die sich der Computer ausdenkt, wenn er sich die Langeweile vertreibt.
Doch um ehrlich zu sein, muss ich gestehen, dass es genau dieses Gefummel in der Rubrik „Einstellungen“ ist, das mich rasend macht, wenn Bekannte, die ich bitte, mir aus einer Computersackgasse zu helfen, erst mal diese oder jene mir lieb gewordene Eigenschaft meines PCs löschen, um ihm dann etwas zu eigen werden zu lassen, was mich wieder Wochen irritiert und nicht selten Anlass für die nächste Sackgasse ist.
Um der heroischen Eigenschaft Ehrlichkeit noch würdiger zu huldigen, muss ich gestehen, dass die Ursache all dieses Übels meine lang gehegte und gepflegte Aversion gegen Computer ist. Aber diese Gesellschaft lässt es nicht mehr zu, dass man sich diesem Medium verschließt, und das ist auch der Grund, warum ich seit Längerem versuche, mich damit zu arrangieren. Denn was man nicht ändern kann, lernt man besser zu tolerieren.
Jedoch in meinem Innersten keimt noch immer eine reaktionäre Zelle, die hin und wieder andere Zellen infiziert. Und wenn das Überhand nimmt, werde ich zum willenlosen Werkzeug meines heimlichen Grolls gegen Computer. Dieser Groll ist mächtig, er weitet sich aus und wird zu Hass – und dieser Hass unterscheidet nicht zwischen den Schuldigen und den willenlosen Sklaven, derer diese Macht aus Bits und Bytes Herr geworden ist. Ich hasse dann allumfassend PCs, ihre User, alle Kabel, sogar die Gebäude, in denen sie surrend die Welt digitalisieren.
Und ich muss handeln. Mein Hass zwingt mich zur Tat und wird magnetgleich von den Tempeln dieser Macht angezogen – den Rechenzentren der Universitäten. Und ich bin nicht unbewaffnet, denn ich trage eine Rüstung, der der Ghostbusters gleich, und der Kanister auf meinem Rücken steht unter Druck und ist gefüllt mit Nivea Milk. Denn ich packe sie dort, wo sie am verwundbarsten sind: an der Schnittstelle zwischen Maschine und User. Ich spritze alle Tastaturen voll, schieße die Mäuse reihenweise von den Tischen, und nur zum Hohn spritze ich dann auch mal eine junge, gutaussehende Dame voll. Aber ich wollte ja ehrlich sein – ich habe den Nivea-Druckbehälter noch nicht fertig.
Doch wo ich schon bei Hass bin, muss ich eine Straßenbahnanekdote loswerden, deren Resultat ich gleich vorwegnehme: Pubertierende Mädchen, die in der Straßenbahn sitzend lauthals ihre Beziehungskisten ihrer Mutter und dem Rest der Anwesenden auseinandersetzen, um sich dann von der Glucke auch noch keusche Tipps geben zu lassen, verdienen meine Nichtachtung (!!!). Mit der ich sie auch gerne gestraft hätte, doch kein Straßenlärm war diesem mitteilungsversessenen und stolzen Ton dieser Seelenstripperin gewachsen.
Gekrönt wurde dieses Happening, das mich sehr stark an Nachmittagstalkshows erinnerte, durch einen Blick über meine Schulter, der mir verriet, dass diese Verfehlung der Schöpfung entweder gar keine Beziehung hat und nur wunschwandelt oder aber tatsächlich irgendwo ein bedauernswerter Junggeselle Opfer von Amors Pfeil oder – noch wahrscheinlicher – einer kichernden Kupplergemeinschaft wurde.
Sofort traf mich ein tief empfundenes und höchst aufrichtiges Gefühl von Mitleid für den Armen, aber ich fing mich schnell und besann mich auf die Devise, mit der ich den Tag begann: Was geht mich fremdes Elend an?!
Doch kurz darauf fiel ich mit diesem Leitsatz auf die Nase. Denn ich musste feststellen, dass fremdes Elend – Elend muss nicht immer Armut an Finanzen bedeuten; Elend scheint mir viel verheerender, wenn man z. B. einfach nur zu blöd oder zu faul ist, diese Doofheit mit Fleiß wettzumachen – mich doch etwas angeht. Nämlich dann, wenn ich von einem Tabakwarenverkäufer eines Tabakwarenfachgeschäftes das Unmögliche in Form von Aktivkohlefiltern verlange.
Ich habe größtes Verständnis dafür, dass einem mal Aktivkohlefilter ausgehen, obwohl dann schon zu vermuten ist, dass im kaufmännischen Bereich etwas im Argen liegt. Doch diese schiere Unwissenheit von der Existenz dieses Tabakfachartikels, gepaart mit der Frechheit, mir beibringen zu wollen, dass es das nicht gibt und dass zum Selbstdrehen nur Feinschnittfilter ohne Aktivkohleeinsatz hergestellt würden, erweckte in mir die Befürchtung, dass sein Elend gleich zu meinem Elend gereichen würde – und zwar in Form von Enthaltsamkeit bezüglich selbstgedrehter Filterzigaretten mit Aktivkohleeinsatz.
Ähnlich, wenn auch nicht ganz so dreist wie in Berlin, wo jeder Tabakwarenfachverkäufer vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, erging es mir im tabakwarentechnisch eher provinziellen Pritzwalk, der Perle der Prignitz, die auch mit Stolz ein Tabakwarengeschäft beherbergt. Dort versuchte man mir in derselben Situation der Unkenntnis bezüglich des gewünschten Filters einen Zigarrenfilter zu veräußern, den ich dann auch fast gekauft hätte.
Doch das Gesicht der Dame, die mich bediente, umspielte eine als Unsicherheit getarnte Blödheit, die mich stutzig werden und das Elend erkennen ließ.
Dieses Problem teile ich wahrscheinlich mit einer Dunkelziffer von Mitstreitern, die darunter leiden, dass sie nicht zahlreich genug sind, als dass sich Werbung für diesen lebenswichtigen Artikel lohnen würde. Werbung, die dafür sorgen würde, dass auch der letzte Tabakwarenfachverkäufer von der Existenz der Aktivkohlefilter erfährt und so von der Überzeugung heimgesucht wird, diesen sortimentsbereichernden Gegenstand meiner Begierde zu ordern.
Frustriert R.K.