Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Bilanz eines Besserwissers

Bilanz eines Besserwissers | Grauzone5

Bis zu einem denkwürdigen Tag in jüngster Vergangenheit hatte meine Welt Ordnung, und ich verfügte über jede Menge Prinzipien, Standardreaktionen, Vorurteile und den ganzen Kram, die einem den dschungelhaften Weg durchs Leben ebenen und Entscheidungen sowie Meinungsbildungen von der Mühseligkeit der Recherche befreien.

Ich war so sattelfest in diesem Gebilde gebettet, dass ich mir sogar zutraute, anderen Menschen zu helfen, ihren Weg durchs Leben zu ebnen, indem ich ihnen Ratschläge erteilte, und irgendwann saß ich derart fest im Sattel, dass ich meine Weisheiten schon ungefragt versprühte. Meiner Sicherheit lagen Feldversuche zugrunde.

Ich ersann auf der Suche nach Auswegen aus Problemen, die sich mir stellten, Lösungsalgorithmen (bis hier natürlich rein hypothetischer Art), die ich dann sofort im Selbstversuch auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfte. Bei Erfolg schwand der hypothetische Anstrich schon sehr, und überlebte solch ein Lösungsalgorithmus den ersten Fremdversuch mit Erfolg, war er praktisch als Weisheit wiedergeboren und wurde in den Reigen meiner Weissagungen aufgenommen.

Was pragmatisch, unkriminell und harmlos mit Tipps wie: „Verlange mehr Taschengeld, dann kannst du mehr Süßigkeiten kaufen!“, begann, blähte sich mit den Jahren zu laufbahnentscheidenden Empfehlungen wie: „Lasst euch ausmustern, dann spart ihr ein Jahr eures Lebens!“ (mein Gesellenstück) auf.

Doch zu diesem denkwürdigen Tag zurückkehrend, muss ich feststellen, dass ich wohl den Prozess aus den Augen verlierend, die von mir erdachten Lösungen schon vor dem Selbstversuch zu Weisheiten erklärte und somit an mein Meisterstück geriet, dem ich noch nicht gewachsen war, weshalb es mir jetzt das Genick brach.

Ich wollte nicht beweisen, dass es besonders weise sei, nachts zwischen zwei Partys auf schneeiger Fahrbahn vor einer Diskothek in Brandenburg einen Golf GTI, einen weiteren Golf sowie einen Pick-up der Marke General Motors zu zerschießen. Ich versuche auch nicht nahezulegen, dass es weise sei, solch einen Vorfall mit dem blitzschnellen Einlegen des zweiten Gangs zu honorieren, um, ohne zum Stillstand zu gelangen, das Weite zu suchen (auch wenn es sicher ganz und gar nicht weise ist, vor Ort darauf zu warten, dass das kurzhaarige Volk seinem Unmut über den Grad der Versehrtheit ihrer Fahrzeuge Luft macht). Aber es kann ja mal vorkommen.

Nein, ich versuchte dem Problem mit einem teuren Anwalt, einer sehr rosigen Geschichte und meinem Trumpf – einem aus Erfahrungen erwachsenen, riesigen Sack an Selbstbewusstsein – gegenüberzutreten und hielt das für weise.

Doch, wie schon beschrieben, war das weit gefehlt und führte zu dem denkwürdigen Ereignis meiner Erschütterung. Doch muss ich mich auch verteidigen, denn ich bin nicht so einfältig und blind, dass ich nicht in der Lage wäre, ein vollkommen falsch aufgezäumtes Pferd zu erkennen. So wurde mir das auch nicht zum Verhängnis; nein, eher war es meine Gier, diesen Husarenstreich in die Riege meiner Weissagungen aufzunehmen, die mich vergessen ließ, Puffer für Eventualitäten einzubauen. Jedoch, das wäre angesichts eines ungewöhnlich stark zu meinen Ungunsten verlaufenden Prozesses vor dem Amtsgericht Guben nötig gewesen.

Eine blutjunge Richterin, ein verbissener Staatsanwalt und ein unvorhersehbar geladener medizinischer Gutachter sowie der Anwalt meines Vertrauens waren – neben der Protokollantin und wechselnden Zeugen – die Akteure im Drama um meine Verurteilung. Die Zeugen blieben blass und griffen, gleich der Dame am Stenographen, nicht weiter ins Geschehen ein. Zum Verhängnis wurde mir der Staatsanwalt, der mit nicht mehr als der Anklageschrift zum Prozess erschien und sich auch sonst nicht die Mühe der Akteneinsicht gemacht hatte, sowie die Richterin, die ob dem Erfahrungs- und Altersunterschied zwischen ihr und dem Staatsanwalt vor Ehrfurcht fast im Boden versank.

Ich habe nichts gegen junge Frauen, auch nicht, wenn sie so hohe Ämter bekleiden wie das eines Richters, doch in diesem Fall hielt ich sie nicht für begehrenswert, auch wenn sie es wohlmöglich war, und schon gar nicht in der passenden Position bekleidet.

Sie sagte also zu allem, was er forderte, „Amen“, und ich sah mich in absehbarer Zukunft meinem Recht, ein Fahrzeug zu lenken, und dem Recht, mit der Kohle, die ich bis dahin angehäuft hatte bzw. noch anhäufen sollte, tun und lassen zu können, was ich wolle, beraubt. Ganz zu schweigen von der Weisheit, die dadurch den Weg in den Reigen meiner Weissagungen verfehlte. Ich verlor kurzzeitig den Glauben an das, was mir bis dato meine Religion war, doch ich fing mich wieder, und das nicht zuletzt auf Grund einiger meiner Weisheiten. So sollte aus der Asche des Geschehenden, dem Phönix gleich, eine Generalweisheit aufsteigen, die mir den Weg zurück in meine Religion weist, immer wenn die selbige zusammenbricht unter der Last des Selbstbetrugs.

Das ist moralisch nicht sonderlich lupenrein, aber immerhin hat es mich vor der Flucht in die Drogen und dem sozialen Verfall meiner Person bewahrt.

Der Angeklagte RK.

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