Die Deutsche Bahn, der Hass fährt auf Schienen
Die Deutsche Bahn, der Hass fährt auf Schienen | grauzone18
Die Bahn ist ja ein besonderes Verkehrsmittel, an ihr klebt der Schweiß von Generationen, und wenn man genau hinriecht, meint man noch den Pulverduft längst vergangener Pioniertage zu schmecken, als unsere straffälligen Ururgroßväter den „wilden Westen“ unsicher machten.
Ich fahre eigentlich gerne Bahn, aber eigentlich bereue ich es auch immer mal wieder. Eines Freitags entschloss ich mich, mal nach Magdeburg zu fahren und meines Bruders Herz zu erfreuen. Ich fuhr zum Alex, alles sehr schön mit der Tram über den Alex und so, und gehe ins Reisecenter, welches ja eigentlich „Feldforschungsprojekt: Wie sehen Ostlerschlangen 10 Jahre nach der Wende aus?“ heißen müsste. Irgendwann hatte ich meinen Beitrag zu diesem ebenso langweiligen wie überflüssigen Experiment geleistet, und tatsächlich ging es eine halbe Stunde später in den Zug und los durch unser blühendes Brandenburg.
Dass ich einen sogenannten Regional-„Express“ (RE) erwischt hatte, machte mir noch keine Gedanken. Bewusst wurde mir diese Tatsache erst, als ich eine halbe Stunde später immer noch in Berlin war und feststellen musste, dass zwischen Potsdam-Stadt und Alex ca. 2000 Bahnhöfe ihr unbegründetes Dasein fristen dürfen. Mir sprang der Gedanke „wegbomben“ in den Kopf, aber ich wollte ja zu meinem Bruder und hatte gar nichts dabei.
Der Gedanke „erschießen“ kam mir in den Sinn, als ich von meinem kuscheligen Fensterplatz in „Wolke 7“ (perfide Bezeichnung für die 1. Klasse im RE) vertrieben wurde, weil in der 1. Klasse im RE bloß Sachsen, Luschen und Warmduscher sitzen dürfen. Ab da musste ich im Keller sitzen und konnte nun zwar alten Frauen unter die Röcke linsen, aber auch von jedem Dreikäsehoch von oben herab angeguckt werden.
Naja, ich bewahrte Haltung, und nach über 2 1/2 Stunden war auch ich in „Magdeburg – Stadt der Buga“. Auf dem Bahnhof erblickte ich eine DB-Werbung: „Berlin 1:25 und preiswert“.
Aus Erfahrung klug dachte ich: Auf dem Rückweg wird geklotzt und nicht gekleckert, da benutzt du das Flaggschiff der deutschen Industrie, den ICE; ist zwar teuer und hält nicht am Alex, aber schneller. Naja, also hin zum Bahnhof, Ticket gekauft, zum Bahnsteig geflitzt und gerade noch pünktlich geschafft. Da teilen die Büttel der Schiene mit, dass der ICE 2325567454 (meiner) sich leider um 60 Minuten verspätet.
Unbändiger Zorn packte mich, ich griff in meinen Rucksack … und der kühlend wissende Griff meiner Beretta flog in meine Hand. Kapuze auf, und der Gang zum Wärterhäuschen war eine Sekundensache, und ich nahm mit bedächtigen, sparsamen Schüssen die Sache in meine Hand … als meine Beruhigungstabletten mir halfen, Gewaltphantasien zu unterdrücken.
So wartete ich wie ein Lamm auf der Schlachtbank, treuergeben und deprimiert auf mein Schicksal, welches eine Stunde später tatsächlich in Form eines Zuges über mich kam.
Ich stieg ein und versuchte zu entspannen, freute mich auf die Party in Berlin (ein Freund hatte Geburtstag).
Meine Mitreisenden waren nicht so spannend, und so ging ich in die Cafeteria, um einen Kaffee zu trinken. Diese Entscheidung veränderte schlagartig alles: Ich kam in ein Abteil, das gemütlich abgedunkelt war, in dem kleine Tische mit Bänken in 5er-Gruppen am Rand drapiert waren und wo alles wie ein Café im Yuppiestil aussah.
Ich ging zur Bar, wollte einen Kaffee trinken, was aber nicht ging, da der ICE leicht kaputt war, was sich in ständigen Halts äußerte. Dann meinte der Kellner, ob ich Wasser oder Cola oder Bier haben wolle. Ich: „Cola“, er: „nur light“, ich: „neeeiiin“, er: „kriegst das Bier für 3 DM“, ich: „na gut“.
An einem der Stehtischchen rauchte ich eine, und meine schlechte Laune klärte sich langsam. Ich schaute mich um, und das Abteil war mäßig voll mit Leuten, die die lange Verspätung und die vielen Stops fleißig nutzten, um dem Bier und anderen Alkoholika zuzusprechen.
Ein junger Mensch gesellte sich zu mir und kam ohne einleitende Worte gleich zum Thema: „Woll’n ma kiffen?“ Ich: „naaaagut.“ Er: „Standard oder Grass?“ Ich: „jipi – ihr habt beide recht.“
Nach kurzem Geplänkel verschwanden wir im Behindertenklo, wo er zügig, aber mit ruhiger Hand, einen Joint baute, den wir ohne viele Worte zu verschwenden zügig zu uns nahmen.
Als wir zurück ins Café-Abteil kamen, hatte sich die Sache dahingehend weiterentwickelt, dass alle noch ein Bierchen mehr hatten und fleißig am Schnattern waren.
Ich stürzte mich ins Getümmel. Nach einem kurzen Abstecher zur Bar, wo der Barkeeper mir ein Bier reichte und mit meinem 2-Mark-Stück zufrieden war, setzte ich mich auf eine der Bänke und unterhielt mich mit meinen neuen besten Freunden, als der Barkeeper die Schürze abriss, die Musik lauter stellte und sich ein Bier öffnete mit den Worten „leckts mi am Asch“.
Wir begrüßten seine Initiative lautstark, was er damit quittierte, dass er jetzt Freibier an alle ausgab. Wir dankten ihm mit ersten Lobgesängen, und so hingen wir da, tankten Bier, bis keins mehr da war, und freuten uns unserer Gemeinschaft, bis der Zug nach gut 3 Stunden in Berlin ankam!
Fazit ist und bleibt: Die Bahn bzw. die Bahnbetreiber, Zugbegleiter, Schaffner und sonstige Büttel gehören auf den Scheiterhaufen, zumindest aber geteert und gefedert!
Ein Lob aber auf Mitropa-Mitarbeiter, die zumeist freundlich, gelassen, auch die Bahn hassen!
Karsten