Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Wenn der Wahnsinn durch ´s Gehirn kraucht

Wenn der Wahnsinn durch ´s Gehirn kraucht | Grauzone 25

Wenn der Wahnsinn durchs Gehirn kraucht wie ein alte zuckende Hure, dann ist es Zeit den Notschalter zu drücken, oder?

Nur letzten Endes bleibt die Frage: Wo ist der Notschalter bei Köpfen? Ist es der Abzug der alten Handfeuerwaffe, die er damals von diesem besoffenen jungen Russen in der Nähe der Kasernen bei Bernau eingetauscht hat? Oder ist es der kleine schwarze Knopf am Feuerzeug, der mal dies und mal das warm und konsumierbar werden lässt? Man weiss es nicht so genau, die Experten streiten da noch. Obwohl schon ziemlich sicher zu sein scheint, dass die Sachen im Krankenhaus einem nicht so richtig helfen; nicht helfen, nur kaputt und dumm machen wie ein Wagenheber der unter ein Auto geschoben wurde, dessen Motor mit Vollgas im 5. Gang läuft. Der Motor läuft weiter und weiter bis das Benzin alle ist, nur das Auto bewegt sich nicht weiter. Das kann´s ja wohl nicht sein. Er fährt die Strasse weiter gerade aus und verzerrt das Gesicht zu Fratzen, die er bei den am Strassenrand stehenden Personen wohl für ziemlich bescheuert halten würde, aber eigentlich will er ja genau das erreichen: als bescheuert gelten. Aber auch das hülfe ihm nicht.

Warum hat er nur wieder soviel getrunken? Es macht weder glücklich noch hilft es. Also was sollte das? Naja, gut es war ein netter Zeitvertreib da zu sitzen und zu reden und zu reden und zu reden und alles wirkte so normal—

Heftiger Schmerz in der Brust; alles nur Schmerz, Qual- das Geräusch. Wie im Fernsehen die Schüsse. Krass, was war das bloss. Ahhhhh! Macht das weg! Hilfe, Scheisse. Er wird sterben, was iss denn los hier Scheisse, Scheisse, Scheisse, er braucht dringend Hilfeeeeee, diese Schmerzen, Ziehen, Reißen, Zerren in seinem Fleisch, gleich wird er ohnmächtig. Das erträgt doch kein Mensch, ja. Ohnmacht würde ihn retten, aber nein- er muss Hilfe herbeirufen, herbei...? Nur wie? Wer? Hände. Stimmen. Ahhh. Arsch, Schwein, fass da nicht an!! Berührungen. Schwarz.

„Hallo? Hören Sie mich?“ Die Krankenschwester vor seinem Gesicht hat drei grüne Augen und den Mund in der Stirn kleine Würmer kriechen in einer Reihe über ihr Gesicht aus einem in ein anderes Loch. Was?!? Scheisse, das muss noch ein Traum sein. Schwarz. Dumpfer Schmerz.

„Hallo Herr K.? Hören Sie mich?“ Die Krankenschwester vor seinem Gesicht hat...blaue Augen, Fältchen, etwa Anfang 40. „Ah, er bewegt die Augenlider scheint zu Bewusstsein zu kommen. Na gut, also doch nicht tot. Naja, die Russen hätten gut bezahlt, iss ´ne seltene Blutgruppe und sehr kräftig das Herz. Naja. Hallo, Herr K. Na wie geht’s uns denn? Haben Sie Schmerzen? Die Schwester gibt ihm gleich was.“ Auf der anderen Seite seines Bettes fummelt jemand an seinem Arm, es pieckst und es wird langsam wieder dunkel.


Er steht wieder draussen, vor sich die grosse, die unheimliche Welt. Er weiss nicht, warum auf ihn geschossen wurde. Aber das macht nichts, ändert nichts, weil er sowieso immer Angst hat vor der Welt. Das weiss natürlich niemand. Du sagst es ja auch keinem, warum also sollte er sich etwas anmerken lassen? In einer Bar unterhielten sich zwei Leute und die Frau sagte, alles würde sie nerven und langweilen, letzen Endes wäre es immer dasselbe peinliche, kleinliche Scheisszeug von irgendwelchen Menschen und darum, genau darum sei es berechenbar, solange man genug Geld habe und das habe sie ja. Als er rauslief ohne zu zahlen, weil er nicht genug Geld hatte und dem Kellner deswegen traurig in die Augen sah, dachte er, die Frau sei ein bisschen glücklicher als er. Er musste immer noch Träumen nachhängen, in denen er sich alles leisten konnte und doch wusste er insgeheim, das ihn das dann wohl auch nicht glücklich machen würde. Aber genau das hätte er gern genau gewusst.

Er stand wieder draussen vor der grossen unheimlichen Welt und er war noch nicht über den Berg.

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