Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Jawohl, in der Hölle...

Jawohl, in der Hölle... | Grauzone 25

Einen immer wieder gern gelesenen Bestandteil von Toiletten-Gazetten (als welche die kleinen Zines ja wohl im überwiegenden Fall herhalten müssen) bilden natürlich Klo-Geschichten. Hier soll sich aber ausnahmsweise mal nicht über Konsistenzen ausgelassen oder die Diskussion um „Wickler, Falter oder Knüller“ (egoist #1) angeheizt werden, vielmehr widerfuhr dem Autor eine pikante Historie, die er der werten Leserschaft nicht vorzuenthalten gedenkt. Alle, die sofort an diverse freudenspendende Aktivitäten denken, welche sich in den heiligen Gemächern dieser Welt so vollziehen lassen, werden sich wohl enttäuscht sehen: diese Geschichte war keinesfalls ein Quell süßer Erinnerung, sondern vielmehr der bodenlosen Scham und Traumatisierung.

Es geschah während eines Aufenthaltes mit größerer Reisegruppe in einem besetzten Haus, dass der ausdauernde Bierkonsum und die mangelhafte Ernährung ihren Tribut forderten, und mich mit einem Anflug von Torschluss- (oder besser –öffnungs?!) Panik auf die langwierige und unangenehme Suche nach einem freien WC schickten.

Wie bereits angedeutet, befanden sich der Kollegen einige vor Ort. Und eben leider auch vor Abort, beziehungsweise im Gegensatz zu mir bereits in denselbigen. Das vorfreudige Lächeln gefror mir schneller im Gesicht als ich die verschiedenen Stockwerke nach freien Entgrenzungsmöglichkeiten durchsuchen konnte. Meiner Pein folgte bereits fast die Resignation auf offener Treppe, als ich letztendlich in einem der fremden Privatgemächer auf ein unverschlossenes und sogar unbesetztes Badezimmer stieß. Freude und Erleichterung gaben sich die Hand, der Schmerz ließ nach und was folgte, war jener so typische Odor nach allem, was ein beherztes Punker-Leben so zum Genuss macht. Es war eklig, und das selbst für mich. Mein suchender Blick streifte die vier Wände, doch ein Fenster war leider nicht auszumachen. Dafür blieben meine Augen an anderen Dingen hängen, welche die Wandregale bis unter die Decke zu füllen schienen: Shampoos, Wattepads, Schminkutensilien, Tampons und Epilationsinstrumente...

Es gab keinen Zweifel: dieses Bad war das Herzstück einer Frauen-WG. Und im Epi-Zentrum dieses Herzstücks saß ich auf meinem Thron und konnte es selbst nicht fassen, welchen Gestank zu produzieren ein Mann imstande sein kann. Mit Sicherheit war jeder Leser schon einmal in der Situation, sich an einem verbotenen Ort aufzuhalten, sei es in der Umkleidekabine der Kindergärtnerin, im Kleiderschrank der Mutter oder im Lehrerzimmer, wo Klassenbücher und Rotstifte im selben Schubfach liegen... Doch niemand wird sich ausmalen können, welche Panik mich angesichts der Erkenntnis befiel, dass ich mich hier in meiner Not nicht nur unerlaubterweise in die privatesten Gefilde einer verschworenen weiblichen Gemeinschaft eingeschlichen hatte, sondern sie darüber hinaus auch noch auf ungewisse Zeit unüberlebbar verpestet hinterließ.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf schossen hörte ich von draußen erst das Klacken verschiedener Türen, dann sich näherndes Gekicher und schließlich das zärtliche Turteln zweier Frauen im Nachbarzimmer. Mein Herz setzte aus: ich war ein illegales Schwein in einer Lesben-Wohnung in einem besetzten Haus! Ich saß auf dem Schafott, und die Anklage dampfte noch frisch unter mir... Jetzt fehlte nicht nur das Fenster zum Lüften, sondern das Wunder, welches mich in Luft auflösen oder zumindest aus diesem Alptraum aufwachen ließ. Es geschah nicht. Ich saß – das zu meiner letztendlichen Gnade nur im übertragenen Sinne – knietief in der Scheiße. Ich konnte das Bad nicht unbemerkt verlassen, ich konnte nicht einmal die Spülung betätigen – fanden sie mich hier jedoch so vor, wäre ich gern gestorben, bevor sie mich in Fetzen reißen konnten.

Schnitt, eingefrorenes Bild, die Zuschauer klammern sich vor Spannung aneinander.

Langsam setzte mein Hirn wieder aus und der Überlebenswille ein. Ich beendete mein grausames Geschäft und bereitete mich zur Flucht vor. Das Ohr an die Fliesen gelegt, konnte ich hören, wie das Turteln einem ausgewachsenen Vorspiel wich, dessen zunehmende Lautstärke mir ermöglichte, unter Zusammennahme allen Mutes vorsichtig die Spülung zu betätigen und das Corpus Delicti zumindest in den nicht sichtbaren Teil des Keramik-Beckens zu flözen. Nachdem dies geschafft war, lauerte ich noch ein paar Minuten, bis ein orgiastischer Donner durch das Nachbarzimmer rollte, öffnete so leise und schnell ich konnte die Tür und floh durch die Diele, ohne auch nur einen Blick über die Schulter zu werfen. Ich hielt auch nicht an, als ich das Treppenhaus erreichte, nein, ich stürmte direkt durch Haustür und Hof auf die Strasse, um die nächste Straßenecke und verschnaufte erst an der Theke der nächstgelegenen Kneipe. Schnaps!, das war mein letztes Wort, dann trugen mich die Englein fort... Und die Moral von der Geschicht: auf fremden Töpfen scheißt man nicht. Ende.

rog

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