Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Büroguerillla

Büroguerillla | Grauzone 25

Als ich vor einem halben Jahr meinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieb war mir noch nicht klar, worauf ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Es handelte sich um einen reinen Schreibtischjob und so war ich auch zuversichtlich, das meine Aufgabe lediglich darin bestehen würde, geistig und nicht körperlich zu arbeiten. Ich dachte die einzige Gefahr droht mir aus gedankenversunkendem Schlucken kochend heißen Kaffees, der in Thermoskannen nun mal nicht so schnell abkühlt. Aber weit gefehlt. Bereits im Laufe der ersten Woche wurde ich Zeuge einer Auseinandersetzung, wie sie schon sehr bald auch von mir geführt werden sollten. Ein Kollege, der diesen Job schon länger erledigte, sprang mit einem Hechtsprung in mein Zimmer, rollte sich geschickt ab und suchte fluchs Deckung hinter meinem Aktenschrank. Nahezu im selben Augenblick zischte eine Salve angespitzter Tackerkrampen auf der gleichen Bahn in mein Büro, auf der mein Kollege gerade ins Zimmer sprang, um dann in den Papprücken zweier benachbarter Leitzordner stecken zu bleiben. Die Streuung der Geschosse war vernachlässigbar und als ich erstaunt und fassungslos aufstand, um diese Fremdkörper aus den Rücken meiner Ordner zu entfernen, musste ich feststellen, das sie zudem von nicht für möglich gehaltener Durchschlagskraft waren. Sie ließen sich nicht mit bloßen Fingern entfernen. Mich davon zu überzeugen, dass das fürs schlichte Überleben in diesem Job unabdingbar sei, bedurfte es nur noch weniger dieser Erlebnisse.

Es vergingen ein paar Wochen und ein hartes Training, bevor ich in der Lage war ähnliches zu vollbringen. Ich lernte zunächst die Grundregeln der Verteidigung. Deckung ist das A und O aller Gefechte, die unter Schreibtischtätern ausgetragen werden. Computertische, Säulen, Türen, Kopierer, Bürostühle bieten vielerlei Möglichkeiten der passiven Deckung. Die aktive Deckung (=Tarnung) ist schon schwieriger zu realisieren und führt dann nicht selten zu Blüten der Kreativität. Z.B. dann, wenn die kampfhungrigen Schlipsträger vergessen, das Papierkörbe mit Sehschlitzen einen nicht wirklich unsichtbar machen.

Mein Lehrer, führte mich als bald in die Kunst des Angriffs ein, denn auch im Büro gilt: Angriff ist die beste Verteidigung. Als Bewaffnung kommt alles in Frage, was sich in einem gut funktionierenden Bürobetrieb so finden lässt und durch geschickte Handhabung oder hinterlistiges Präparieren Schmerzen verursachen kann. Die am häufigsten gebrauchte Schusswaffe ist der Tacker. Mit verstärkter Feder versehen und mit, in unendlich langen Nachtschichten einzeln angespitzten Krampen geladen, vermag er sogar derben Jeansstoff noch so zu durchschlagen, das kleine aber sehr schmerzhafte Wunden entstehen. DumDum-Geschossen gleich kommen Tesa-Rollen aus Schleudern geschossen, welche bei geschicktem Einsatz ansehnliche blaue Flecke oder am Kopf getroffen auch unschöne Beulen verursachen. PC-Mäuse werden durch einen gezielten Schnitt mit den rasierklingenscharfen Brieföffnern von den PC’s getrennt, die sie bedienen halfen, dann aufwendig mit Reißzwecken gespickt und so zu Morgensternen.

Man kann sich nie gewiss sein, ob eine harmlos erscheinende Mitarbeiterbeitersitzung nicht ein Hinterhalt ist und ein Kollege in einem gezielten Schwung den gestreckten Arm in die eigene Richtung schwingt, auf das aus dessen Ärmel sich dann ein metallener Kopierbleistift löst, dessen 0.2 mm starke Spitze sich mit rasender Geschwindigkeit auf das eigen Auge zubewegt. Aber wirklich tückisch und zudem lebensgefährlich sind Antipersonenmienen. Das die Genfer Konventionen diesbezüglich in den Krisengebieten dieser Erde noch nicht gegriffen hat ist bekannt, dass dieses verbotene Mittel der Kriegsführung aber auch auf Kriegschauplätzen Anwendung findet, die bis jetzt noch den Wenigsten als solche bekannt sind, ist ein Fakt, den ich an dieser Stelle publik machen muss, um auch hier ein gebührliches Problembewusstsein zu schüren. Aber die Opfer, die zu beklagen sind, sprechen ihre eigene Sprache. Erst kürzlich wäre ein Kollege um ein Haar einer solchen Miene in Form eines Kopierers zum Opfer gefallen. Ein Saboteur hatte den Vervielfältiger unter Strom gesetzt, so das man bei dem Versuch Blätter nachzulegen einem Stromschlag von mehreren Hundert Volt, bei immerhin zwei Ampere, ausgesetzt wurde.

Dagegen muten verklebte Kopierabdeckungen harmlos an. Diese nehmen dem allzu ungeduldigen Vervielfätiger den Blendschutz, so dass das Opfer geblendet einige Minuten mit abwechselnd aufgerissenen und zusammengekniffenden Augen und ohne Orientierung - damit praktisch wehrlos - über das Schlachtfeld wankt, so das auch dieser vergleichweise harmlose Angriff unter Umständen den Tod nach sich ziehen kann. Denn so lediert in die Schusslinie zweier Duellisten zu geraten, die im Sumpf von Verständnis und Konfliktlösung durch ”Darüberreden”, einfach nur noch rot sehen, kann schnell das Aus bedeuten.

Eingekeilt zwischen Boss-Anzügen, unzähligen Aftershafes, 1000 sinnlosen Präsentationen, den noch sinnloseren Anglizismen, Kaffeetassen mit den unkomischsten Aufschriften, Metaplanwänden und Pflippcharts wird der Beamer zum Mittelpunkt des Geschehens. Der Altar ist ein Laptop und in der Profilierungswut der Anwesenden merkt Niemand, wie der so geschlagene Schaum langsam das Denken erschwert. Die Kugelschreiber fangen immer nervöser an zu klicken. Die ersten Anwesenden raufen sich die Haare. Auftauchende Unstimmigkeiten werden noch im Anstand ertränkt und beflissentlich übergangen. Es wird jeder Punkt so lange nacheinander von allen wiedergegeben, bis die unterschiedliche Wortwahl und die Noancen der Betrachtungsweise jedwede Interpretation des Themas zulassen.

Das Problem wird so jedoch lediglich verschoben, nie jedoch gelöst. Wenn das den Beteiligten endlich klar wird, unter Umständen auch schon ein paar "Meetings" ins Land gegangen sind und auch allen Beteiligten Gevatter Zeitnot auf den Fersen ist, beginnt sich der Instinkt zu melden, und der Damm, dessen Becken sich durch fast belanglose und nicht ausgetragene Meinungsverschiedenheiten bis zum Überlaufen gefüllt hat, beginnt rissig zu werden. Von diesem Punkt an ist es nur selten ein langer Weg, bis ein Eklat über etwas ausbricht, was nicht mehr nur nahezu belanglos ist. Jetzt werden Argumente wie Faustschläge eingesetzt. Die Argumente sind dann oft schon sehr sinnentlehrt, aber durch gezieltes ”wording” so angestrichen, dass der Streitpartner sie auch nicht verstehen kann. Doch die Sinnentleerung führt dazu, dass die Schläge nicht richtig sitzen und bald dreht man sich im Kreis.

Dass das eine unbefriedigende Situation ist, bedarf keiner weiteren Erklärung, jedoch wie sie zur Eskalation führt will ich an dieser Stelle doch noch kurz ausführen. Die Instinkte brechen durch. Auf intellektueller Ebene findet keiner der Streiter Befriedigung oder Genugtuung. Es drängt der nicht mehr zu bändigende Wunsch, sich auf eine Ebene der Konfliktbewältigung zu begeben, die einem jede gute Erziehung versagt. Aber der Damm bricht und der Flur vor dem Konferenzraum wird kurzerhand zum Schauplatz einer erbarmungslosen Schlacht.

Und wehe dem, der seine Tackerkrampen nicht angespitzt hat!

Schreibtischtäter R.K.

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