Die grauzone - ein Kulturmagazin (1998 -2004)

Hohenschönhausen - Von einem aufgeweichten Neubau und dem Gefängnis

Hohenschönhausen - Von einem aufgeweichten Neubau und dem Gefängnis

1977 zogen wir nach Hohenschönhausen, das damals zu Weißensee zählte und auch so aussah. Dort war alles so hell. Die Luft war frisch. Ich kam mir vor wie in Bullerbü. Vorher wohnten wir in Prenzlauer Berg. Im Altbau, Hinterhaus, zweiter Stock, mit anderthalb Zimmern, Ofenheizung und Außentoilette. Schon damals hatte ich im Fernsehen gesehen, daß viele Kinder unter solchen Umzügen sehr litten. In der jeweiligen neuen Umgebung war immer alles fremd und langweilig. Heidis Welt waren nun einmal die Berge. Mir lag es aber fern, den maroden Prenzlauer Berg zu romantisieren. Ich war ein Arbeiterkind. Wir wollten umziehen, in eine schöne Neubauwohnung mit drei Zimmern, Bad, Balkon und Zentralheizung. Meine Mutter liebäugelte mit einer derartigen Wohnung in Prenzlauer Berg, doch mein Vater meinte, "Mutter! Als Hausgeburt von um die Ecke, mußt du eigentlich wissen, das es im Prenzlauer Berg solche Wohnungen nicht gibt. Jedenfalls nicht ohne gute Beziehungen." Da hatte er wohl Recht. Unsere schlechten Beziehungen reichten allenfalls für eine Wohnung in der Schönhauser Allee, mit Ofenheizung, Badewanne und Ausblick auf den UBahn-Viadukt. Mein Vater sagte: "Wegen sowas ziehe ich doch nich' um! Ich komme aus Thüringen, ich brauche frische Luft!" Deshalb leistete er in seiner Freizeit AWG-Stunden. Er war in der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft. Er durfte irgendeinen Geldbetrag einzahlen und in seiner Freizeit viele Aufbaustunden leisten. Für den Aufbau unserer sozialistischen Heimat im allgemeinen und für eine eigene größere Wohnung im speziellen. Nach 10 Jahren war es soweit. Wir zogen um. Ich litt ein wenig, weil ich nicht mit dem Möbelwagen mit fahren durfte, sondern mit der S-Bahn und dem Bus hinterher zuckeln mußte. Die neue Wohnung lag zwischen dem Sportforum Hohenschönhausen und den angrenzenden Altbauten sowie einer an den Bezirk Lichtenberg grenzenden Industrielandschaft. Inmitten unserer schlammigen Gegend standen einige Neubauten. Einige Achtzehner und viele Zehner. Von Arbeitern für Arbeiter gebaut. Wir waren die Erstbezieher. Es gab keine Gespenster. Es war ganz schön fremd, aber nicht langweilig. Wir wohnten im obersten Stockwerk eines Zehners. Meine Schwester und ich konnten mit dem Fahrstuhl spielen. Am spannendsten war es, wenn er nicht mehr funktionierte. Manchmal wurde auch das Wasser abgestellt. Vielleicht, weil sich im Neubauviertel noch nicht alles so richtig eingespielt hatte. Meine Schwester wollte Badewasser in die Wanne laufen lassen. Sie drehte den Hahn auf, stellte enttäuscht fest, das kein Wasser raus kam und ging erst mal spazieren. Als sie wieder kam, sah sie schon auf dem Korridor, dass das Wasser inzwischen wieder angestellt wurde. Ich staunte, mit welcher Selbstverständlichkeit die Mieter im neunten Stockwerk unsere Mißgeschicke und Böswilligkeiten ertragen haben.

Unser Neubau konnte einige Überschwemmungen verkraften. Im Großen und Ganzen hielt er dicht. Und diese Versicherung der DDR war auch sehr gut. Nach der zweiten oder dritten Wasserkatastrophe mußten die Bewohner im achten, neunten und zehnten Stockwerk, zwischen dem Sendeschluß und der Nachtruhe, die Silberfische aus ihren Betten vertreiben.

Mitte der Neunziger Jahre brachten sie im Fernsehen einen Bericht über einsturzgefährdete Neubauten in Hohenschönhausen. Ich erkannte den Wohnblock, in dem inzwischen meine Schwester mit ihrem Sohn und ihrem Freund wohnte. Während einer Geburtstagsfeier sagte ich zu ihr, "Du hast unseren Neubau aufgeweicht!" Doch mein Vater widersprach: "Das kann gar nicht sein! Unser Neubau war schon vor der Bezugsfertigstellung krumm und schief!" Das stimmte. Als wir tapeziert haben, war das Wohnzimmer noch weitestgehend leer. Der wilde Herbstwind blies in die Ritzen unserer Wohnung. Über dem Betonfußboden erhob sich der mausgraue Linoleumbelag wie ein Segel! In der Zimmermitte sogar um ungefähr 40 Zentimeter! Dort stand ein Stuhl, er kippte um. Uns gefiel unsere neue Wohnung. Jedenfalls wurde meine Schwester noch 20 Jahre später ganz unruhig. Denn auch wenn den Fernsehreportern von den Mietern im neunten Stockwerk nicht verraten wurde, daß sie unseren Neubau aufgeweicht hatte, so wohnte sie immerhin noch selber in diesem einsturzgefährdeten Neubau. 1977 war alles in Ordnung. Die liebe Sonne beschönigte die umliegenden Sandberge, den Baulärm und den schlammigen Trampelpfad, der am Behelfsverkaufsbarackenkonsum vorbei, zur Schule führte. Für mich sollte sich alles zum Besseren wenden. Nachdem ich im Prenzlauer Berg hängen geblieben war, fing ich mich in Hohenschönhausen wieder. Doch ich war nur ein Strohfeuerstreber. Mein Vater hat mir meine Leistungssteigerung manchmal vorgeworfen. Na und? Man bekam zwar den Menschen aus dem Prenzlauer Berg raus, nicht aber den Prenzlauer Berg aus dem Menschen. In der Schule sollten wir in Kunsterziehung ein Wohngebiet zeichnen, so wie wir es uns wünschten. Mit großzügigen Parkanlagen, romantischen Häusern und einen rosa Himmel. Wir wurden dazu verdonnert, unserer Fantasie freien Lauf zu lassen. Ich malte ein Schnittmuster vom Prenzlauer Berg. Quadratisch, praktisch, gut. Grau in grau. Mein Kunsterzieher reagierte ein wenig verstört. Als freischaffender Künstler verlor er später ja auch den Kontakt zur Bevölkerung. Immerhin konnte er von seiner Malerei leben. Ansonsten lernten wir zum Beispiel, daß während der Nazi-Herrschaft viele Menschen wegschauten und sie die Konzentrationslager nicht sehen wollten. Wenn ich dann nach Hause kam, schaute ich aus dem Fenster, ohne wegzusehen. Wir wohnten in unmittelbarer Nähe zum Gefängnis Hohenschönhausen. Von meinem Fenster aus, konnte ich diesen mausgrauen Betonkomplex sehen. Er paßte wunderbar zum Linoleumbelag unserer neuen Wohnung und war einen Kilometer Luftlinie entfernt. Morgens fuhren von dort zwei oder drei IkarusBusse mit einigen hundert Gefangenen los. Sie hielten 50 Meter vor unserem Neubau, auf dieser eingezäunten Baustelle, wo die Gefangenen diese fünfgeschossigen Neubauten hoch zogen. Diese Baustelle war vielleicht einen Quadratkilometer groß. Sie war von einer Wellblechabsperrung mit Stacheldraht umgeben. Davor befand sich noch ein Maschendrahtzaun. Zwischen dieser doppelten Absperrung kläfften zottelige Schäferhunde. An den Ecken der Baustelle gab es Wachtürme, insgesamt wohl sechs. Ich fragte meinen Vater, ob das ein Gefängnis wäre. Amüsiert antwortete er: "Das is' 'ne Knastbaustelle! Für Knastis!" "Und was haben die gemacht?" Die werden schon was gemacht haben! Ja, in Hohenschönhausen gib's ein kleines Gefängnis! Die großen sind eher außerhalb! Unser Gefängnis war also zum hinsehen. Dort gab es sicherlich keine richtigen Schwerverbrecher. Sie trugen auch keine schwarz-weiß gestreiften Anzüge, sondern dunkelgrüne. Jeder Gefangene hatte auf dem Rücken und an den Armen einen gelben Streifen. Ich war enttäuscht. Weshalb mußten die Gefangenen dort arbeiten? Aber eigentlich arbeiteten sie gar nicht so hart, oder? Tagsüber schlummerten einige Gefangene auf den Balkonen. Die Aufseher konnten es von ihren Wachtürmen aus nicht sehen. Aber ich, von meinem Fenster aus. Manchmal winkte ich solidarisch, um eine Rebellion zu provozieren. Zu Frank und Maik sagte ich: "Die Knastis sind doch inner Überzahl! Laß uns doch mal 'n bißchen provozieren!" Wir malten uns die Rebellion in den schönsten Farben aus. Und wir würden von meinem Fenster aus zuschauen und nicht wegsehen.

Nach der Schule sollte es losgehen. Wir nahmen unsere Lederpflaumen und postierten uns vor dem Maschendrahtzaun, um unsere Lederpflaumen wieder und wieder dagegen zu schiessen. Ein zotteliger Schäferhund wurde total verrückt. Zeitgleich stand meine Schwester auf unserem Korridor, vor der Haussprechanlage. Sie drückte auf die Sprechtaste und rief immer wieder: "Jetz' jeht's los! Befreit Euch! Kämpft doch mal! Ihr müßt frei sein!"

Während wir den Maschendrahtzaun beschossen und der zottelige Schäferhund herum kläffte, brüllte ein Aufseher aus dem Wachturmfenster. Wir rannten weg. In meiner Wohnung sahen wir aus dem Fenster. Auf der Knastibaustelle passierte nicht viel. Einige Gefangene arbeiteten auf den Dächern und manche schlummerten auf den Balkonen. Einer winkte solidarisch. Wir gingen Fußball spielen. Irgendwann waren auch die Fünfgeschosser fertig. Im Gegensatz zu unseren AWG-Neubauten, in denen Berliner Arbeiter wohnten, zogen in diese Neubauten nur Stasis und Polizisten aus dem entfernteren Umland ein. Während den staatlich verordneten Feiertagen wurden die Fünfgeschosser von den Bewohnern immer beflaggt. Ich schaute auf sie herab, doch viel lieber sah ich weg. 1977 war der Weißenseer Ortsteil mit dem schönen Namen Hohenschönhausen noch Berliner Stadtrand. Sozusagen der Osten vom Osten. Marzahn war ein Dorf, inmitten von Feldern, über die ein Hirte seine Schafe trieb. In der Schule profitierte ich viel von meinen Mitschülern und meiner Russischlehrerin. Sie zog mich die ganzen Jahre über einfach mit durch. Einmal war sie mehrere Wochen krank geschrieben. Ihre Vertreterin gab mir einige Chancen, die ich in einige Fünfen ummünzte. Als meine Russischlehrerin wieder gesund war, schrieb sie mir einige neutralisierende Zensuren ins Klassenbuch. Vorsichtshalber nahm sie mich vorher nicht ran. Sie hatte wohl eine gute Meinung von mir, als sie sagte, das ich an den FDJ-Veranstaltungen kein Interesse zeigte. Als abstiegsgefährdeter Schüler ging ich mit zwei Vorzensurfünfen in die Abschlußprüfungen der zehnten Klasse. Trotzdem habe ich relativ sportlich und fair bestanden. Ich hatte keinen Traum, wurde Tiefbaufacharbeiter und arbeitete in Marzahn.

Andreas Gläser schreibt seit vielen Jahren Geschichten über Leute. Er veröffentlichte die „BFC-VERHERRLICHUNGEN“ und die „BAUFRESSE“ und ließt regelmäßig bei der ´Chaussee derEnthusiasten´ (www. enthusiasten. de).

  • Grauzone Nr. 25
  • Grauzone Nr. 24
    • Der Angler und das Glück am Sonntag
    • Hohenschönhausen - Von einem aufgeweichten Neubau und dem Gefängnis
    • The Beach
    • Sicher, auch im Wald
    • Rentnerinnen auf den Boden legen
    • Das Hohenschönhausen in unseren Köpfen
    • Im Leben ohne Sozialhilfe Empfänger-Ragout!
    • Nachbushumor
    • MZ-Story, Teil 6
    • Die Strasse
    • Seventies Rock
  • Grauzone Nr. 23
  • Grauzone Nr. 22
  • Grauzone Nr. 21
  • Grauzone Nr. 20
  • Grauzone Nr. 19
  • Grauzone Nr. 18
  • Grauzone Nr. 17
  • Grauzone Nr. 16
  • Grauzone Nr. 15
  • Grauzone Nr. 14
  • Grauzone Nr. 13
  • Grauzone Nr. 11+12
  • Grauzone Nr. 10
  • Grauzone Nr. 09
  • Grauzone Nr. 08
  • Grauzone Nr. 07
  • Grauzone Nr. 06
  • Grauzone Nr. 05
  • Grauzone Nr. 04
  • Grauzone Nr. 03
  • Grauzone Nr. 02
  • Grauzone Nr. 01

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