Das Hohenschönhausen in unseren Köpfen
Das Hohenschönhausen in unseren Köpfen | grauzone 24
Am 16.03.2001 gaben WOYZECK in ihrer Homebase WB13 ein Konzert zu ihrem Record Release. Die Grauzone traf Banscher, den Gitarristen von WOYZECK und sprach mit ihm über seine Band, das WB13 und H-town .
Was macht WOYZECK für Musik? Ich hab da auf der Hompage ´nen sehr smarten Musikrichtungsnamen entdeckt... Det iss so’n Ding, wat irgendwie gegen das normale Bestehen einer Band spricht, die Unfähigkeit, sich einem Musikstil zuzuordnen. Wir haben, vielleicht nicht so oft wie normale Bands, aber immer wieder doch mal in der Verlegenheit gesteckt, irgendwie Flyer oder Plakate machen zu müssen, wat uns in die Bredouille jebracht hat, unserer Musik keenen Namen geben zu können. Ick kann uns irgendwie nich so einordnen. Weil Du Dich auf den Namen auf der Homepage bezogen hast...
Da heisst et “postpunkundergroundwave’n’roll”... Ja, dit is halt allet so'n Ding, vielleicht so zur Orientierung, wenn man irgendwat festmachen will. Diese Postpunksache iss halt...(gerät ins Stammeln) Ja, Du hast recht, das führt hier vielleicht zu weit. Ick denke, Postpunk muß der geneigte Leser sich selbst erschließen. In früheren Grauzonen gab´s da ja mal Artikel ... Jaja (lacht)
Gut, denn hätten wa dit ja nich jeklärt... Weiter, Auf Eurer www.WOYZECK.de habe ich gesehen, daß Ihr ja in 2000 schon quasi 10jähriges Jubiläum hattet? Det Ding iss, Norbert, den Basser, den kenn ick seit zehn Jahren und wir ham schon von Anfang an Musik miteinander gemacht. So zuhause, er am Bass, ick Gitarre. Offiziell, so mit Auftritt iss et im Februar ´92 gewesen...
Wer war noch bei WOYZECK? Irgendwann nach so ’ner legendären Grüz-Rüste ham wa uns mit Chrissi zusammjetan, der sich damals bei ´Veit´s Tanz´ dahingehend unausgelastet fühlte, daß er sich nicht allein der Gitarre verpflichtet fühlte und auch bißchen Drums machen wollte. Irgendwann kam zu Chrissi noch Jule dazu. Die hat ´ne zeitlang mal Keyboard gespielt, aber das war nicht lang.
Chrissi spielt ja schon ´ne Weile nicht mehr bei Euch... Et fing eben die Sache mit Chrissi und denn Drogen an, wofür wir zu der damaligen Zeit noch wenig Verständnis hatten, so daß er dann praktisch ausgeschieden wurde. Es gab da mal ne Sache, da haben wir im Pionierpalast gespielt und Chrissi hatte wiedermal jekifft und dann im ersten Stück total geschleppt, was mich dann dazu bewogen hat, die Sache abzubrechen. Das war dann so der Split. Wir ham da auf jeden Fall damals überreagiert, aus heutiger Sicht. Wir warn damals vielleicht noch nicht reif genug, keene Ahnung...
Und dann? ...hab ick mit Nobse und ´nem Drumcomputer weitergemacht. Also, das war die Hölle. Wenn mich jemand fragt, ich würd´ auf jeden Fall davon abraten, ´ne Band mit Drumcomputer zu machen. Wer ist Euer jetziger Schlagzeuger? Martin Richter. Der kam aus Weißensee und der iss in dem Sinne ´ne bedeutende Figur, weil er der Drumcomputersache dahingehend ein Ende bereitet hat, daß er nach nem Auftritt in der Pfarrstrasse auf uns zu gekommen iss und gesagt hat:” Hey, Jungs! Ihr klingt so Scheisse mit dem Ding!”. Damit hat er sicherlich och recht jehabt. Wir haben ein paar Proben mit ihm gemacht und der hatte halt irgendwie die Songs total schnell druff. Das war etwa ´97.
Warum macht ihr Eure Musik genau so, wie ihr sie jetzt macht? Also mit drei Instrumenten kriegt man schon wenig von dem, wat man so als Intention so mit sich rumschleppt rüber, und es gab dagegen schon diverse Ansätze. Wir hatten überlegt, noch mal mit ´nem Keyboarder oder ´nem zweiten Gitarristen wat zu machen. Aber irgendwie...det iss höllenschwer jemand Neuet einzugliedern so, weil sich über die Zeit schon so ´ne extrem enge Sozialstruktur jebildet hat. Diese janze Probesache iss doch irgendwie extrem intim, wat och denn zweiten Teil der Frage beantwortet, warum wir det so machen: Dit iss so’n extremer Ruhepol, den man halt so hat, also man weeß, man jeht so hin, iss noch so bißchen runter vom Tach, irgendwie sonstwiewat , man stöpselt sich ein, kriegt ´n paar Sachen uff die Reihe, na paar Sachen klappen nich so und it iss denn so'n Ding, daß man sich uff ner entspannten Ebene trifft, die einen sonst so nich umgibt. Det is irgendwie wat, wat, gloob ick, keener von uns dreien mehr missen möchte.
Wie is das mit den Texten? Wir versuchen ja schon immer ´n bißchen wat rüber zu bringen, gerade och bei Norberts Texten iss et so krass, weil der och son bißchen älter iss als wir, des da son paar Dinger zum Tragen kommen. Man macht zum Beispiel nen Song, man brauch ne Jahr oder so bis er mit allem Pipapo fertig iss und mit einem mal bist Du so alt, wie Norbert um die Zeit war, wo der den Text geschrieben hat und den versteht man dit uff een mal und man fast sich bloss an Kopp.
Macht Norbert also die Texte? Norbert singt zwee Lieder (“Im Schatten des Führers” + ”Niemals und ewig”) von denen hat er och die Texte jemacht und der Rest iss von mir. Und det wat ick grade jesacht habe passt aba wirklich extrem uff diese beeden Lieder. Stichwort: Zukunft? Ick denke, so irgndwelche Erfolgs-oder Durchstartjedanken ham wa uns wohl alle drei aus´m Kopp jeschlagen. Wir sind son bißchen im Frieden mit dem, wie et jetz iss, gloob ick.
Noch ne andere Sache. WOYZECK kommen ja aus Hohenschönhausen. Würdest Du sagen, daß sich det irgendwie wesentlich uff die Musik ausjewirkt hat? Welche Rolle spielt(e) das WB13? Ähh, det hat in erster Linie dahingehend funktioniert, daß die offensichtlich widrigen Lebensumstände dazugeführt haben, daß sich die Leute, die mit dem Ringsrum halt nicht so konnten, sich hier ziemlich schnell konsolidiert haben. Det Ding iss, Du hast heute extrem lange Inkubationszeiten mit irgendwelchen Freundschaften. Du muß Dich erst zigmillionenmal treffen, irgendwie, eh de irgendwie mal bei dem über nachtest oder so. Damals mit Nobse oder so- det jing ratzfazt irgendwie. Man wußte einfach ziemlich schnell, det man irgendwie uff der gleichen Welle so iss... Also so Typen wie den triffste so schnell nich wieder.
Ist das vielleicht nicht eher ne Frage des Alters? ...der Umgebung, also uff jen Fall der Umgebung. Det Ding iss, det iss hier uff seine Art extrem dörflich, weil die Leute, die halt so druff sind wie wir, wirklich wahrscheinlich ´ne Minderheit hier darstellen, die uff ´ne janz andre Art konsolidiert ist. Wenn de so Prenzelberger Bands siehst, für die iss det viel mehr so ´n normalet Ding. Man geht dort halt zu Schule und über kurz oder lang hat man halt irgendwie ne Band am Arsch. Det passiert da halt einfach so. Das WB13 besteht aus Leuten, die alle in irgend ´ner Band spielen. Bei uns war det halt so, det jeder, der irgendwie hier unterjekomm is, heilfroh war, wat jefunden zu haben, wat ihm in diesem Dorf hier ´ne Rolle hat zukommen lassen .Das Hohenschönhausen, wie et jetzt um einen herum existiert is ja absolut superweit entfernt von dem, wat unser Bild von dem Hohenschönhausen in unseren Köpfen geprägt hat. Als wir hier jewohnt ham, da ham se die Hä user hier halt irgendwie jebaut und zwischen den Häuser war nüscht als Schlamm. Det war janz anders. Det war noch nich dieset Biedere, dieset Jutbürgeliche. Allein diese Sachen von damals, die rücken so oft hier in die Gegenwart und det iss einfach immernoch det Ding, weswegen man hier och immer wieder uffkreuzt... Ich kann mich erinnern, daß ich damals mal bei Norbert zu hause war und es gab da diesen Blick auf den Innenhof, der eingeschlossen war von zwei riesigen, Betonwohnblöcken und dazwischen in der Schneise, gab es einen richtig krassen Sonnenuntergangeinerseits diese nackte, graue, riesige Beton und dann andererseits dieser extrem romantische Sonnenuntergang... Ja, ick weeß, wat de meinst. Du hast über Hohenschönhausen immer einen superkrassen Sonnenuntergang. Det Ding iss, solche Oasen der Rezeption fanden uff extrem kleenem Raum statt, also nich jeder Hohenschönhausener hat sich diese Sonne, die ihm so jeden Tag uff´n Dez jebrezelt is, so anjeguckt.
Wenn ich das eben beschrieben Bild nehme und mir dann so Eure Musik anhöre, wat da so an Jefühlen rüberkommt... also vielleicht is det nur in meinem Kopf so, aber ick find, det hat irgendwie urst viel mitnander zu tun... Ja, et is schon richtig, und det iss och son bißchen unsa Handicap. Du hast dieset Bild jesehen und die Atmosphäre hier einjeatmet, aber ick globe, jemand der im Wedding uffgewachsen iss, der kann vielleicht mit unsra Musik echt absolut nüscht anfang´. Für den wirkt et wahrscheinlich viehisch verkrampft, weil die da irgendwie ´n janz andan Umjang ham. Als det is wahr! Det iss vielleicht ´ne Form der Romantik, aber die läßt sich vielleicht nur für extrem wenige Leute erschließen.
Det heisst um Woyzeck zu verstehn, muss man sich mal nen Sonnenuntergang in H-town angucken? Det Ding is, dass et hier im Zuge der vollverspiegelten Fassaden nich mehr möglich iss, det so wie wir damals zu erleben, et is einfach nich mehr so gruselig wie damals! Man iss halt hundert Meter jelofen und denn standste so uff ´m Feld und hast halt noch diese
Betonkulisse jehabt. Det war ‘n Scheißdorf, ´n modernet Dorf. Man hat immer so dieset Rand-Berlin-Feeling jehabt. Man war kurz davor, Berlin zu verlassen, wenn man in Hohenschönhausen war und manche Leute hat det halt irgendwie anjemacht. Also mich zum Beispiel...
PATE
Am 09.09.2001 spielt die Band Woyzeck im K17 / Ostberlin