Man(n) fährt Bahn
Wie ich einmal einen Mann in der Tram kennenlernte, der wieder nach Berlin zurückwollte und mir damit zu your party scream and shout by playing längsten Überschrift seit je in der "Grauzone" verhalf | Grauzone 07
Berlin, Mittwoch früh, ein Uhr. Ich stehe fröstelnd und leicht angetrunken an einer Straßenbahnhaltestelle und warte auf die Nachtbahn.
Ein Treffen mit Studienkollegen am Nachmittag hatte sich unerwartet (Na gut, nicht ganz unerwartet.) in eine kleine Orgie ausgeweitet und morgen früh
werde ich die Folgen dafür zu tragen haben. Schade um die Mühe der 8.00 Uhr s.t. Referentin! Hätte sie sich bei der Uhrzeit aber auch denken können. Egal! Brrrr! Kalt! Mir gegenüber hält ein Taxi und entlädt eine Fuhre Leute, die nach einer "werglisch dolln" Vernissage (" Un isch sach Dir, de Düp mit de schwarze Brill, de kenn isch von de Doogschoh mit de Biolek!") noch "ä Glässche Rodwoi" trinken gehen werden in einer dieser TrendyKneipen, die für einen normalen Berliner nicht mehr zu bezahlen sind und von denen ich im übrigen glaube, daß sie letzten Endes das Ergebnis der zu vielen "Ich findemichselbstinderFerne" Rucksackreisen nach BaliJavaSumatra ihrer Gäste und Betreiber sind. Schließlich lautet einer der Grundsätze der indon. Staatsdoktrin :"Einheit in der Vielfalt", was hier dann interpretiert wird als:" Viele verschiedene Kneipen vermitteln dasselbe Gefühl (von PseudoIndividualität)". Das ist mir letzten Endes eigentlich aber auch scheißegal. Ich muß da ja nicht hin und meinetwegen soll sich die zugezogene, westdeutsche Provinzialität hier doch "hip" fühlen und sich dafür dumm und dusslich zahlen. Schade nur für die (Ex)Urbewohner dieses Stadtteils, aber Vertreibung kommt leider oft vor bei Eroberung. Ich jedenfalls fahr wieder in "meinen"(?) Kiez. Während ich also friere und warte kommt dieser ebenfalls leicht angeheiterte Typ in seinem knallgelben Anorak an die Haltestelle. Über Einuhrnachtshaltestel lenSmallTalk ("Wann kommtn die Bahn? Wie komm ick denn jetz bloß nach Hause?""Haste mal ne Zigarette?") kommen wir einander näher und ins Gespräch. "Mann, et is doch schön, wenn man so nach Jahrn merkt, det die Fraun einglisch die selm Problemchen un Jedankn ham, wie man selbst. Ick rede jetz ma janz offen.", sagt er dann in der Bahn (die natürlich auf den Befehl "Zigarette brennt!" sofort kam). Stutzen, weitersprechenprovozierendes Kopfnicken meinerseits. "Ach, Mensch... Wenn dit allet früha so rausjekomm wär, wie heut ahmd mit die Olle. Na ick meene, weeßte... Naja" Schweigen. Abaschen. Nicken und Verwirrung von mir. "Denn wär ick doch ja nich da hoch na KohlrabiEiländ (Insel Rügen Anm.d.V.) und so...ach det kotzt ma allet an mit die Fischköppe. Ick sach ma wie et is...ick bin mehr so gerade raus,weeßte...nich so...wenn ma wat stöat, sag ick it und den is et raus und denn kann man sehn wat wird, aba ick sach et erstmal, laut und deutlich und nich so...weeßte ick bin hier aus Balin...""Un lebst jetz uff Rügen?""Ja, weeßte wegen de Liebe hab ick ma breitschlagn lassn, aba du kannst die beste Frau neben dia im Bett ham, aba uff die Daua ist det da ohm nüscht......dieser Tratsch und die Frau vonna Sparkasse is deine Nachbarin und echt jeda kennt jedn echt. Und wenn ma wat is, irjend n Problem, denn imma um drei Ecken und so von hintenrum." Hoffnungsloses AusdemFensterStarren."...Ick muß wieda nach Berlin zurück. Is mia heute ahmnd wieda richtee klarjeworn. Weeßte, etis schön da oben, aba dieset Hinterfetzige da macht dia einfach kaputt uff die Daua. Du brauchst echt den schwärzrsten Humor da un versuchst allet richte zu machen un denn sacht ma eena wat zu dir un denn weeßte nich wie et jetz jemeint waun zu Hause wird dir denn klar, wat det eijentlich wieder für fieset Ding war... die Leute da uff de Insel sin soo ...kalt, weeßte , wie soll ick sagn.....". Sicher hätte er mir noch viel zu sagen, aber meine Station kommt und ich verabschiede mich, kumpelhaft nickend. Was GENAU er mir sagen wollte, habe ich irgendwie nicht verstanden,wahrscheinlich hat er auch gar niucht recht, ich weiß nicht. Wie dem auch sei: Ich liebe Berlin,trotz allem!